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Wirtschaft & Finanzen

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MAA spricht mit Conny Zoller

„Mut. Tun. Los.“ –
wie die Architektin Conny Zoller neue Bilder vom Bauen pflanzt

Die Bauwelt steht vor großen Veränderungen: Ressourcen, Klimaschutz und neue Wohnformen fordern ein Umdenken. Die Architektin Conny Zoller spricht darüber, warum Architektur dabei eine Schlüsselrolle spielt, weshalb Frauen sichtbarer werden sollten – und warum manchmal eine kleine „Samenbombe“ aus Ideen genügt, damit Neues wachsen kann.

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Foto: Conny Zoller, privat

 

Dein Thema ist Transformation – sowohl in der Bauwelt als auch bei dir selbst. Was bedeutet Transformation in der Bauwelt?

Die Baubranche hat einen sehr großen Einfluss auf die Klimakrise. Gleichzeitig liegt genau dort auch ein enormes Potenzial für Veränderung. Die Branche verursacht rund 30 Prozent der Treibhausgase, etwa 40 Prozent des Energieverbrauchs, 50 Prozent des Ressourcenverbrauchs, 60 Prozent des Abfalls und rund 70 Prozent der Flächenversiegelung. Als ich diese Zahlen gehört habe, war ich zunächst ziemlich geschockt. Gleichzeitig bin ich auf eine Aussage gestoßen, die mich sehr motiviert hat: ArchitektInnen haben 196 mehr Möglichkeiten der Klimakrise durch Ihre Arbeit entgegenzuwirken, als ihren privaten Lebensstil zu ändern.


 

Das heißt, über deine Arbeit kannst du viel stärker wirken als nur über dein persönliches Verhalten?

Genau, bei meiner Arbeit kann ich größere Hebel ansetzen. Als Architektin gestalte ich Gebäude und damit auch Lebensräume für viele Jahrzehnte. Deshalb stellt sich immer die Frage: Hat das, was ich heute plane, auch in 50 Jahren noch Sinn? Dabei geht es um Materialien, um Ressourcen, gleichzeitig um das künftige Wohnen und Arbeiten. Wie sieht unser Konsum- bzw. Nicht-Konsumverhalten in Zukunft aus und wie bewegen wir uns zwischen diesen Bereichen - d.h. wie denken wir Mobilität in den kommenden Jahren. Für all diese Funktionen benötigen wir Gebäude und Infrastruktur. Architektinnen und Architekten haben hier eine große Verantwortung, weil sie Bauherren beraten und Entscheidungen mitprägen. Am Ende beeinflusst unser TUN nicht nur das einzelne Gebäude, sondern das Bild unserer Städte und Dörfer.

 


Siehst du diese Veränderung bereits in deiner Branche?

Ja, die Baubranche befindet sich in einer riesigen Transformation – und ich selbst befinde mich mitten darin. Doch ich empfinde Veränderung als Entwicklung, manche sehen Veränderung als den Verlust des IST-Zustands. Dies spiegelt zugleich das Dilemma der Bauwelt. Auf der einen Seite gibt es Akteurinnen, die immer noch daran festhalten, dass Abriss besser sein solle, als mit dem Bestand zu arbeiten und auf der anderen Seite entwickeln Bauschaffende Gebäude, die bereits in Kreisläufen gedacht werden.


 

Du hast einmal erzählt, dass dich eine Begegnung nach einem Vortrag besonders geprägt hat.

Ja, eine befreundetet Zuhörerin hat mir damals einen wichtigen Gedanken mitgegeben. Sie sagte:

"Conny, du wirst es nie schaffen, verwurzelte Glaubenssätze aus den Köpfen der Menschen zu zerren. Setze Impulse, wie kleine Samenkörner und ob sie wachsen oder nicht entscheidet dein Gegenüber selbst."




"Conny, du wirst es nie schaffen, verwurzelte Glaubenssätze aus den Köpfen der Menschen zu zerren. Setze Impulse, wie kleine Samenkörner und ob sie wachsen oder nicht entscheidet dein Gegenüber selbst."




Seitdem sehe ich meine Rolle ein wenig wie die einer „Samenbombenwerferin“: Ich bringe Ideen in die Welt, gebe Impulse und schaue, wo sie auf fruchtbaren Boden fallen. Dabei ist mir der Dialog wichtig, denn nur im Austausch miteinander entwickeln wir uns weiter.

 


Du gehst diesen Weg inzwischen nicht mehr allein.

Richtig, 2024 haben wir den Verband „wir sind dran. jetzt“ gegründet. Wir beschäftigen uns mit der Nachhaltigkeit und Transformation in der Baubranche. Jede von uns bringt ihr eigenes Wissen ein – zum Beispiel zu Biodiversität, Bauen im Bestand, Kreislaufwirtschaft, Architekturkommunikation oder nachhaltigen Baustoffen wie beispielsweise Lehm. Der Name „wir sind dran“ hat für mich mehrere Bedeutungen: Wir haben begonnen und arbeiten Schritt für Schritt daran, auch wenn noch nicht alles perfekt ist. Gleichzeitig bedeutet er auch, dass Frauen in der Architektur stärker sichtbar werden sollten. Und er erinnert uns daran, dass wir handeln müssen – denn wenn wir nichts tun, wird uns die Klimakrise irgendwann einholen.

 


Was gibt dir dabei persönlich Kraft?

Der Gedanke, dass Veränderung ein Prozess ist. Früher hatte ich oft den Anspruch, alles muss, sofort perfekt sein. Heute hilft mir der Satz „Wir sind dran“. Er erinnert mich daran, dass es darum geht, ins TUN zu kommen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln.

 


Ihr habt euch mit eurem Verein auch am WIA-Festival beteiligt. Was war das für ein Rahmen?

Das WIA25 (Women In Architecture) war das erste bundesweite Festival zur Sichtbarmachung von Frauen aus der Bauwelt. Im Juni 2025 haben mehr als 200 Akteurinnen über 250 Events in ganz Deutschland veranstaltet. Auf der WIA25-Homepage sind die einzelnen, sehr inspirierenden Veranstaltungen noch zu finden. Als Verband sind wir mit drei Beiträgen von drei Standorten aus gestartet. Einem LEGO®SeriousPlay® Workshop in Hannover, einer Führung durch eine Alte Baderei in Kamenz und dem Aufruf zum Dialog in Hüttlingen nach dem Motto: "StandOrt[e] beSTIMMEn". Besonders gefreut hat mich, Hüttlingen neben Großstädten wie Hamburg, Hannover oder Hildesheim strahlen zu sehen.

 


Welche Botschaft wolltet ihr bei diesen Veranstaltungen vermitteln?

Uns ging es vor allem um die Sichtbarkeit von Frauen in der Bauwelt. Frauen stehen oft noch in der zweiten Reihe – manchmal aus Gewohnheit, manchmal, weil sie sich selbst weniger nach vorne stellen. Für mich persönlich war dies Teil meiner eigenen Entwicklung. Lange hätte ich mich zum Beispiel nicht unbedingt als Feministin bezeichnet. In meinem persönlichen Umfeld erlebe ich ein gleichberechtigtes Miteinander. – in der Familie, in meiner Ehe, auch auf Baustellen. Erst durch das WIA-Festival habe ich verstärkt wahrgenommen, wie viele strukturelle Ungleichheiten in unserer Gesellschaft immer noch bestehen. Deshalb sehe ich für mich Feminismus als das Streben nach Chancengleichheit, Menschlichkeit und Vielfalt. Wie könnte man da keine Feministen:in sein? Wenn Frauen und Männer auf Augenhöhe zusammenarbeiten, werden mehr Perspektiven sichtbar und mehr Potenziale genutzt.

 


Gab es einen Moment, der dir das besonders deutlich gemacht hat?

Ja, interessanterweise auch in meiner eigenen Familie. Ich habe zwei Töchter und wollte sie natürlich stärken und sensibilisieren. Unsere große Tochter meinte irgendwann: „Mama, ich kann dein feministisches Gerede nicht mehr hören.“ Upps, schluck, dacht ich mir. Ein paar Wochen später kam sie jedoch wieder auf mich zu und sagte: Jetzt verstehe sie erst, was ich meine. In der Schule habe vieles selbstverständlich gewirkt – Jungen und Mädchen waren gleichberechtigt. Erst als sie diesen Microkosmos verließ und in die Welt hinausging, sind ihr Unterschiede bewusst geworden. Dieser Moment hat mir gezeigt, Gleichberechtigung ist kein Selbstläufer. Was Frauen vor uns erkämpft haben, dafür müssen wir uns heute und morgen weiterhin gemeinsam stark machen - für unsere Töchter und Söhne.




Was Frauen vor uns erkämpft haben, dafür müssen wir uns heute und morgen weiterhin gemeinsam stark machen - für unsere Töchter und Söhne.




Wenn ALLE ihre Potentialen nutzen können, dann sind wir als Gesellschaft glücklicher, erfolgreicher, mutiger, zufriedener.

 


Begegnest du in deinem Berufsleben selbst noch Ungleichbehandlung?

Teilweise ja, doch heute kann ich souveräner damit umgehen als noch vor zehn Jahren. Das ist das Schöne am Leben, je mehr man an Erfahrung gewinnt, umso bewusster ist man der eigenen Selbstwirksamkeit. Gleichzeitig verärgert mich heute nach wie vor die folgende Frage, die an Frauen, 100% berufstätig und Mama gestellt wird: "Was machen Sie am Nachmittag mit ihren Kindern?" Diese Frage wird nie einem Mann gestellt und schon gar nicht in Bewerbungsgesprächen. Heute bin ich stolz auf unser Familienmodell. Ich als Frau musste mich nie entscheiden zwischen "Baby oder Business" oder in meinem Fall zwischen "Baby oder Bau".

 


Du beschäftigst dich intensiv mit zwei Themen: nachhaltiges Bauen und die Rolle der Frauen in der Bauwelt. Welches ist dir wichtiger?

Für mich gehören beide zusammen. Frauen sind nicht nur Architektinnen, sie sind auch Eigentümerinnen, Investorinnen, Bauherrinnen oder Betreiberinnen von Gebäuden. Deshalb spielt ihre Perspektive eine große Rolle in der Transformation der Bauwelt. Es geht darum, Sehgewohnheiten und Wohnbiographien zu verstehen und zu hinterfragen: In welchem Umfeld sind wir groß geworden, welche Raumwelten haben uns geprägt, welche Glaubenssätze in Bezug auf Gebäude sind in uns verwurzelt. Und wie wollen wir eigentlich in Zukunft leben und wohnen? Welche Räume und Flächen brauchen wir tatsächlich?

 


Hast du ein Beispiel dafür, wie sich solche Bilder verändern können?

Eine Freundin von mir hat einmal gesagt: Heute würde sie ihr Haus nie wieder so bauen. Sie baute dem damaligen Zeitgeist entsprechend, weil alle es so machten, klassisches Einfamilienhaus, groß, für jedes Kind ein Zimmer, ohne zu hinterfragen, ob das Haus sich leicht anpassen lässt, wenn die Familiensituation sich verändert. Heute sagt sie, sie würde viel lieber kleiner wohnen und flexibler leben, vielleicht mit einer Wohnung als Heimathafen und einem Wohnmobil für längere Reisen. Solche Gedanken zeigen, dass sich Vorstellungen vom Wohnen verändern können.

 


Welche Rolle spielen dabei unsere bisherigen Gewohnheiten?

Sie spielen eine sehr große Rolle. Unsere Vorstellungen entstehen aus unseren Wohnbiographien, was wir kennen und wie wir aufgewachsen sind. Gleichzeitig haben sich die Rahmenbedingungen stark verändert. Während noch vor einigen Jahren in Deutschland der Wohnflächenverbrauch pro Person bei ca. 20 Quadratmeter lag, leben heute die Deutschen im Durchschnitt auf fast 50 Quadratmeter pro Person. Das zeigt, wie stark unser Flächenverbrauch gestiegen ist. Deshalb stellt sich zunehmend die Frage: Brauchen wir wirklich immer mehr Raum – oder können wir auch flächeneffizienter bauen, umbauen, anbauen, ohne an Wohnqualität zu verlieren und immer mehr Fläche zu versiegeln?

 


Welche Fragen könnte sich eine junge Menschen stellen, die gerade darüber nachdenkt zu bauen?

Zunächst einmal würde ich gar nicht sofort Bilder oder Lösungen vorgeben, sondern Fragen stellen. Zum Beispiel: Wie stellst du dir dein Leben eigentlich vor? Möchtest du Familie, möchtest du vielleicht ohne Kinder leben – und wie sähe dein Lebensmodell dann aus? Bist du eher ein Mensch mit Wurzeln oder mit Flügeln? Also jemand, der stark an einen Ort gebunden ist, oder jemand, der mehrere Orte braucht und vielleicht mobiler lebt. Dann würde ich fragen, wie sie sich ihr Leben in den nächsten fünf oder zehn Jahren vorstellt – aber auch weiter in die Zukunft denkt. Ich möchte meinem Gegenüber verdeutlichen, dass ein Gebäude 50 Jahre oder noch länger gedacht werden muss, der Mensch sich teilweise nur für die kommenden 10 oder 15 Jahre Vorstellungen von seinem Leben macht. Also lohnt sich die Frage: Wie könnte dein Leben in 30 oder 40 Jahren aussehen? Könntest du dir vorstellen, später mit anderen Menschen zusammen zu wohnen, vielleicht mit deinen Eltern, mit einer zweiten Familie im Haus oder in einer Einliegerwohnung? Solche Lebensmodelle können helfen, Einsamkeit im Alter zu vermeiden, gegenseitige Unterstützung zu ermöglichen und gleichzeitig auch eine zusätzliche Einnahmequelle zu generieren. Und wie reagieren die Häuser auf diese neuen Bedarfe? Lässt es sich einfach anpassen, aufstocken oder umbauen? Für mich ist ein Haus deshalb idealerweise kein starres Gebilde, sondern ein Objekt, das nach Bedarf mitwachsen oder sich verändern kann. Einheiten, die sich teilen lassen oder wieder verschmelzen können oder vielleicht sogar in eine andere Nutzung führen, wenn die Umstände es erfordern.


 

Würden Bauwillige Architektinnen oder Architekten finden, die so denken?

Ja, auf jeden Fall. In der Architektur spricht man heute sogar zunehmend von einer „Leistungsphase Null“. Offiziell beginnt die Leistung nach der Honorarordnung zwar mit der ersten Planungsphase, aber viele Architektinnen und Architekten nehmen sich inzwischen bewusst eine Phase davor: mehr Zeit für das Gespräch. Also genau das, was wir gerade machen – Fragen stellen, Lebensmodelle verstehen und gemeinsam überlegen, wie ein Gebäude über den kompletten Lebenszyklus wirklich genutzt werden soll. Ein guter Architekt zeichnet deshalb nicht nur einen Grundriss nach Wunsch, sondern hilft den Bauherrinnen und Bauherren, neue Denkräume zu öffnen.




Ein guter Architekt zeichnet deshalb nicht nur einen Grundriss nach Wunsch, sondern hilft den Bauherrinnen und Bauherren, neue Denkräume zu öffnen.




Auf dieser Basis findet man im Idealfall eine Immobilie im Bestand vielleicht sogar im gewachsenen Ortskern, anstatt auf der grünen Wiese neu Flächen zu versiegeln. Wenn wir schaffen bei allen Akteurinnen der Bauwelt mehr Bewusstsein für diese Prozesse zu entwickeln, dann sind wir der Bauwende einen großen Schritt näher.

 


Du hast vorhin auch über Zeitgeist gesprochen. Warum ist das beim Bauen ein wichtiges Thema?

Bei meinem WIA-Beitrag in Hüttlingen hatte ich auf einer Folie ein typisches Badezimmer der 1970 Jahre gezeigt: orange Fliesen, große Muster, bunte Sanitärmöbel. - Kurzes Gelächter beim Publikum, die durch diese Zeit geprägten wurden. Ich wollte meinen Zuhörerinnen vor Augen führen: "diesen Stil, fand irgendwann mal die Bauherrschaft schön, stark vom Zeitgeist, der damaligen Farb- und Materialwelten geprägt." Der Architekt hatte dies entworfen, die Handwerker haben es gebaut und die Bauherren investierten und waren glücklich damit. Heute empfinden viele solche Räume als altmodisch und reißen die komplette Einrichtung heraus. Aber genau da lohnt sich die Frage: Was wir heute einbauen und für schön empfinden – wird das in 20 oder 30 Jahren noch genauso gesehen? Jede bauliche Veränderungbedeutet auch Ressourcenverbrauch und Müllerzeugung. Wir sollten wieder lernen kostbar mit unseren Materialien umzugehen und den Schaffensprozess und das Werk unserer Hände (Handwerk) als wertvoll einstufen.

 


Gibt es Materialien oder Gestaltungsprinzipien, die eher zeitlos sind?

Ich beobachte, dass natürliche Materialien oft länger bestehen, einen kleineren CO₂-Fußabdruck vorweisen und schonender in den Kreislauf zurückgeführt werden können. Holz, Naturstein oder auch Lehm kommen wieder stärker in den Fokus. Bei Lehm reagieren viele zunächst skeptisch, weil sie dieses Material mit einfachen Hütten oder mit „armen Materialien“ verbinden. Gleichzeitig gibt es inzwischen sehr praktikable Anwendungen, wie beispielsweise Lehm Plattenware oder Bausteine auch in Holz. Trotzdem ertappe ich mich selbst, wie stark Gewohnheiten wirken. Wenn auf einer Baustelle schnell entschieden werden muss, greife ich auf Materialien zurück, die ich seit Jahren kenne. Bei denen ich weiß, wie ich sie einsetzen kann und welche Handwerker sie verarbeiten können. Genau deshalb suche ich bewusst nach Bauschaffenden, bei denen das "Andere" bereits Routine ist und gleichzeitig offen sind für Unbekanntes. Menschen mit Erfahrung, die sich parallel die Neugierde am Entdecken bewahrt haben. Mein Gestaltungsprinzip ist im Einfachen das WOW zu entdecken. Und am schönsten ist es, wenn man diese Gedanken in einem guten Netzwerk teilen kann.

 


Spielt dabei auch unsere Sehgewohnheit eine Rolle?

Ja, sehr stark sogar. Viele verbinden moderne Architektur mit glatten Oberflächen, Sichtbeton, Glas und sehr klaren Linien. Materialien wie Lehm wirken für manche zunächst befremdlich. Deshalb ist es wichtig, solche Lösungen sichtbar zu machen. Menschen orientieren sich häufig an dem, was sie bei anderen sehen.

 


Braucht es dafür mehr Vorbilder oder Beispiele?

Auf jeden Fall. Wenn Menschen sehen, dass andersgedachte Gebäude funktionieren und eine angenehme Atmosphäre schaffen, dann verändert sich auch die Wahrnehmung. Oft braucht es Pionierinnen und Pioniere, die den ersten Schritt machen und zeigen, dass es funktioniert – und am Ende sogar Sinnhaftigkeit und Freude bringt. Im Bauen mit dem bereits Vorhandenen steckt viel Kreativität und Innovation. Aber oft geht es gar nicht darum, etwas komplett Neues zu erfinden, sondern alte, sinnvolle Ansätze in unsere Zeit zu übertragen.

 


Du hast am Anfang auch dein Credo „Mut. Tun. Los.“ erwähnt. Was bedeutet das für dich?

„Mut. Tun. Los.“ ist für mich ein innerer Motor. Seit ich mich für mehr Nachhaltigkeit in der Bauwelt engagiere und mich für mehr Sichtbarmachung von Frauen allgemein einsetze sind diese drei Worte meine Begleiterin:

MUT: wenn die Routine teilweise stärker ist als die Sehnsucht nach dem UnbekanntenTUN: wenn die Routine die ersten Schritte verhindert,LOS: wenn der Wecker des Aufbruchs bereits klingelt, gleichzeitig es noch zu kuschlig und bequem in der Routine ist.

Dann brauche ich diese drei Worte, um mich gegen die Routine zu wehren.

 

 

Hilft dir dieser Gedanke nur selbst – oder auch anderen?

Ich merke schon, dass der Funke auch auf andere überspringt. Gerade bei Frauen erlebe ich oft, dass sie Unterstützung brauchen, um ihre eigenen Potenziale stärker wahrzunehmen. Und teilweise fehlen die Vorbilder in der Gesellschaft, die Orientierung geben können. Vorhandene Grenzen und Hürden zu überwinden, dafür benötige ich Mut. In einem guten Netzwerk oder in einem sicheren Umfeld ist man mutiger. Ja, es ist fast ansteckend. Dieser Mut vermehrt sich, wenn man ihn teilt. Deshalb geht es mir inzwischen nicht mehr ausschließlich darum, Impulse auszusenden, sondern Menschen auch ein Stück zu begleiten. Selbst Empowerment ist dabei das oberste Ziel. Wer sich ihrer selbst bewusst ist und ihre Selbstwirksamkeit kennt, ist resilienter gegenüber den Tücken unserer Zeit.

 


Du beschreibst dich mal als Samenbombenwerferin, mal eher als Begleiterin. Wo siehst du für dich den größeren Wirkungsgrad?

Das ist für mich noch offen. Ich mag das Bild der Samenbombenwerferin, weil es zu meinem Wesen passt: Ideen wahrnehmen, sie weitergeben, Menschen anstupsen. Gleichzeitig möchte ich auch sehen, was daraus wird. Ich finde es schön, wenn aus einem Impuls tatsächlich Entwicklung entspringt. Es berührt mich, wenn Menschen etwas wagen, sich entfalten und plötzlich Seiten an sich entdecken, die vorher verborgen waren. Deshalb merke ich, dass ich beides in mir habe: die Freude am Ausstreuen von Ideen und den Wunsch, Wachstum mitzuerleben. Vielleicht ist genau diese Verbindung mein Weg.

 


Dann könnte aus beidem ja ein Kreislauf entstehen.

Ja, genau diese Vorstellung mag ich sehr. Wenn aus einer Idee etwas wächst und daraus wieder eine neue Geschichte oder ein neues Bild entsteht, das ich weitergeben kann, dann entsteht ein Kreislauf. Das passt zu meinem Denken, weil ich dieses Weitertragen und Weiterentwickeln sehr mag.

 


Beim WIA-Festival hast du selbst erlebt, wie sich eine Idee noch einmal verändern kann.

Ja, das war für mich sehr prägend, denn mein Konzept zum WIA-Festival war ursprünglich ein anderes. Ich wollte Stadtspaziergänge anbieten. Während der Bearbeitung ist mir dann aufgefallen, dass es immer wieder dieselben Gebäude sind, die im Kontext Frau und Architektur gezeigt werden. Mit dieser Erkenntnis fühlte ich mich kurzzeitig als "gescheitert". Nach einer guten Besinnungspause weckte diese Situation meinen Ansporn erst recht. StandORT[e] beSTIMMEn, doch wo sind die ganzen Frau-Architektinnen im Ostalbkreis. Mehr als 50 Prozent der Architekturabsolventinnen an Hochschulen sind Frauen, wo sind die 50 Prozent von Frauen geführten Architekturbüros?

Es ging plötzlich nicht nur um die Bauwelt, sondern allgemein um Haltung, um Sichtbarkeit, um Bereitschaft auf Veränderung und um die Frage, warum Frauen oft nicht in der ersten Reihe stehen. Schlussfolgernd kam dann auch die Idee, meine Beiträge zum WIA-Festival von Hüttlingen aus zu senden. Meinem Standort, von dem aus ich wirke und von dort aus, ich meine Stimme einbringen möchte. Ein besonderer Moment, als ich erkannte, Hüttlingen ist mit zwei Veranstaltungen Teil dieses deutschlandweiten Festivals. Folgt man auf der WIA-Homepage dem Link "Ort", taucht dort in Reihe neben den Großstädten wie Halle, Hamburg, Hannover plötzlich unser Hüttlingen auf. Das macht mich heute noch sehr stolz und zeigt eine enorme Strahlkraft nach außen. Für die Zukunft gibt mir diese WIA-Vorbereitung die Erkenntnis: nie aufgeben, auch wenn nicht immer alles glatt läuft. Es lohnt sich, für die eigenen Ideen stark zu machen.

 


Du hast bei der Veranstaltung auch viele verschiedene Themen miteinander verbunden. Wie kam das zustande?

Mir geht es weniger darum, Expertin für ein einzelnes Thema zu sein. Ich sehe mich eher als jemand, die durch ihr Fachwissen und Erfahrung Dinge miteinander verknüpft. Ein Beispiel waren die Holz-Bausteine der Firma TRIQBRIQ, die ich als Gestaltungselemente für Bühne und Technik verwendet habe. Sie stammten aus der Kooperation mit Stiftung Haus Lindenhof und werden dort produziert. Das Publikum hat die Steine während der Vorträge gesehen und später ganz selbstverständlich nachgefragt – so entstand ganz nebenbei Gespräche über Kreislaufwirtschaft und neue Materialien. Ohne den Fokus der ursprünglichen Idee des Abends zu verlieren. Im Gegenteil plötzlich entdeckt man Überschneidungen zu den Themen Sehgewohnheiten, Bauen im Bestand, Haltung und ob wir bereit sind, eigene Glaubenssätze zu hinterfragen.

 


Auch die Bürgermeisterin von Hüttlingen war beteiligt. Warum war dir das wichtig?

Weil das Thema Sichtbarkeit von Frauen nicht nur die Architektur betrifft. Dieses Dilemma findet man beispielsweise auch in der Kunst, Musik und eben auch in der Verwaltung. Deshalb war es in Hüttlingen so schön zu sehen, wie wir Frauen aus unterschiedlichen Bereichen uns gegenseitig ergänzen und unterstützen können. Die Perspektive unserer Bürgermeisterin war dabei sehr wertvoll. In unserer Region haben wir mit Lauchheim, Neuler und Hüttlingen gerade mehrere Bürgermeisterinnen – das ist eine schöne Ausnahme, zeigt aber gleichzeitig, dass Gleichverteilung noch längst nicht selbstverständlich ist.

 


Du beschreibst dich selbst oft als Netzwerkerin. Was bedeutet diese Rolle für dich?

Meine Stärke liegt darin, Menschen zusammenzubringen, Ideen zu sammeln und Verbindungen herzustellen. Mir fällt es leicht, solche Veranstaltungen zu organisieren und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Beim WIA-Festival war das ähnlich: Nachdem ich den Fokus nach Hüttlingen verlagert hatte, ging es zunächst darum, Frauen aus unterschiedlichen Bereichen sichtbar zu machen und zusammenzubringen. Daraus entstanden dann neue Ideen.

 


Und daraus hat sich sogar wieder ein Stadtspaziergang entwickelt.

Richtig. Ein Stadtspaziergang durch die Hüttinger Alemannenschule. Und alle meine Themen flossen an einem Standort zusammen: der Umgang mit Gebäudebestand und die nutzergerechte, zukunftsgestaltende Weiterentwicklung von Immobilien, und dem Wirken von Frauen eine Stimme geben. Was in Hüttlingen am Beispiel Alemannenschule eine besondere Situation darstellte, alle Beteiligte waren Frauen: aus der Planung und Ausführung zwei Architektinnen, als Bauherrenvertretung unsere Bürgermeisterin und von Nutzerseite unsere Konrektorin. Solche Beispiele zeigen, wie viel schon da ist, wenn man nur genauer hinschaut.


 

Wenn du auf das Gespräch zurückblickst: Was bleibt dir besonders wichtig?

Mehr miteinander ins Gespräch kommen und die vielen vorhandenen Potenziale sichtbar machen. In der Bauwelt, in der Gesellschaft und auch in der Zusammenarbeit von Frauen und Männern gibt es viele Möglichkeiten für Veränderung. Man muss sie nur erkennen, miteinander verbinden und den Mut und die Offenheit haben, erste Schritte zu gehen.

 


Vielen Dank für das Gespräch.

 Sehr gerne.

 

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