
MAA spricht mit Kathrin Wieland (Name geändert)
„Ich war immer die Letzte beim Sport" – wie Kathrin mit 49 zum ersten Mal losgelaufen ist
Dreißig Jahre lang hat Kathrin Wieland aus Wasseralfingen einen großen Bogen um alles gemacht, was nach Sport aussah – zu langsam, zu schwer, zu peinlich. Dann stand sie an einem Novemberabend mit geliehenen Schuhen am Fuß des Braunenbergs und ging einfach los. Heute treffen sich dienstags dreißig Frauen wegen ihr am Rombachbad, und die einzige Regel lautet: Es wird nicht gerannt, es wird nicht gewartet, es geht keine allein nach Hause. Ein Gespräch über Scham, Schneckentempo und den Mut, sichtbar zu werden.
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Bild: privat, dient nur zur Veranschaulichung
Kathrin, bevor wir übers Laufen reden: Wer bist du eigentlich – und wie war dein Leben, bevor du das erste Mal die Laufschuhe angezogen hast?
Ich bin 51, wohne in Wasseralfingen, arbeite in der Buchhaltung eines Zulieferers hier in der Gegend, zwei erwachsene Kinder. Und ich war mein Leben lang das, was man freundlich „unsportlich" nennt. In der Schule war ich beim Mannschaftswählen immer die Letzte. Nicht oft – immer. Das setzt sich fest.
Danach habe ich Sport einfach aus meinem Leben gestrichen. Ich bin nicht schwimmen gegangen, ich bin nicht Rad gefahren, ich bin nicht mal gern spazieren gegangen, wenn jemand hätte zuschauen können. Ich habe dreißig Jahre lang sehr erfolgreich vermieden, mich zu bewegen, wo mich jemand sieht.
Und ich habe mir eingeredet, dass das reicht. Ich hatte ja ein volles Leben: Familie, Arbeit, Haus. Wenn jemand gefragt hat, ob ich mitkomme – wandern, Rad fahren, was auch immer –, hatte ich immer eine Ausrede parat. Ich war richtig gut darin. Rückblickend war das keine Bequemlichkeit. Das war Angst.
"In der Schule war ich beim Mannschaftswählen immer die Letzte. Nicht oft – immer"
Und dann kam ein Abend der das veränderte. Was war da los?
Meine Tochter war kurz vorher ausgezogen, mein Mann war auf Montage, und ich saß um halb acht auf dem Sofa und habe gemerkt: Ich sitze hier jeden Abend. Seit Jahren. Und ich warte auf irgendwas.
Ich weiß noch, dass der Fernseher lief und ich nicht hätte sagen können, was gerade gesendet wurde. Das hat mich mehr erschreckt als alles andere. Dass da ein Abend vergeht und nichts davon bei mir ankommt.
Ich hatte noch die Schuhe von meinem Sohn im Flur stehen, eine Nummer zu groß. Die habe ich angezogen, weil ich keine eigenen hatte, und bin raus Richtung Braunenberg. Es war dunkel und es hat genieselt – ich glaube, das war der eigentliche Grund, warum ich mich getraut habe. Es hat mich keiner gesehen. Ich war vielleicht zwanzig Minuten unterwegs und bin völlig durchnässt heimgekommen. Und ich habe im Flur gestanden und geheult, ohne genau zu wissen, warum.
"Es war dunkel und es hat genieselt. Ich glaube, das war der Grund, warum ich mich getraut habe."
Wie waren die ersten Wochen?
Furchtbar und großartig zugleich. Ich bin gegangen, nicht gelaufen. Die ersten vier Wochen bin ich nur gegangen. Und ich bin bewusst spät los, immer nach acht, damit mich niemand aus der Nachbarschaft trifft.
Der Kopf war das Schwierige, nicht die Beine. Bei jedem Auto, das vorbeikam, habe ich gedacht: Jetzt schauen sie. Jetzt denken sie, was die Dicke da macht. Es hat Monate gedauert, bis mir klar wurde, dass die Leute in ihren Autos an ihren eigenen Kram denken und nicht an mich.
Was mir geholfen hat, war eine ganz banale Sache: Ich bin immer dieselbe Runde gegangen. Immer dieselbe. Nach drei Wochen kannte ich jeden Laternenmast, jede Pfütze, den Hund, der hinter dem dritten Gartentor bellt. Diese Runde war irgendwann meine. Das klingt klein, aber es war das Erste seit Langem, was nur mir gehört hat.
Wie haben dein Mann und deine Kinder reagiert?
Mein Mann hat gedacht, das geht wieder vorbei. Er hat nichts Böses gesagt, im Gegenteil – aber er kannte mich ja. Er hat schon die Weight-Watchers-Phase erlebt und das Fahrrad, das zwei Jahre im Keller stand. Er hat gewartet, ob es hält. Erst im Frühjahr hat er angefangen, mir abends die Stirnlampe hinzulegen. Das war seine Art zu sagen: Okay, ich glaube dir.
Meine Tochter war von Anfang an begeistert, fast zu sehr. Sie wollte mir sofort eine Uhr schenken und Pläne ausdrucken. Das habe ich abgelehnt, und ich glaube, das war eine der wichtigsten Entscheidungen überhaupt. In dem Moment, wo Zahlen dazukommen, kommt auch die Bewertung dazu. Und Bewertung ist genau das, wovor ich dreißig Jahre weggelaufen bin.
"In dem Moment, wo Zahlen dazukommen, kommt auch die Bewertung dazu"
Gab es einen Punkt, an dem du wieder aufhören wolltest?
Ja, im Februar. Ich hatte mir eingebildet, jetzt müsste ich richtig laufen, also habe ich es versucht – und war nach zweihundert Metern fertig. Zweihundert. Ich bin am Kocher gestanden und habe geheult vor Wut auf mich selbst. Zwei Wochen bin ich gar nicht mehr raus.
Diese zwei Wochen waren schlimmer als die dreißig Jahre davor. Weil ich vorher nichts vermisst habe – und jetzt schon. Ich habe abends auf die Uhr geschaut und gewusst: Eigentlich wärst du jetzt draußen.
Was mich zurückgeholt hat, war ein Satz von einer Kollegin. Sie hat gesagt: „Du warst doch schon draußen. Vier Monate lang. Wieso zählt das plötzlich nicht mehr?" Da habe ich verstanden, dass ich mir selbst wieder eine Prüfung gebastelt hatte, bei der ich verlieren muss. Seitdem laufe ich nach Gefühl und nicht nach Uhr.
"Ich hatte mir selbst wieder eine Prüfung gebastelt, bei der ich verlieren muss"
Wie ist aus deinen Alleingängen eine Gruppe geworden?
Durch Zufall und durch eine Nachbarin. Die hat mich im Sommer abends gesehen und gefragt, ob sie mit darf – sie traue sich auch nicht in den Verein. Dann waren wir zu zweit. Dann kam ihre Schwägerin dazu, dann eine aus der Arbeit.
Irgendwann habe ich in einer lokalen Gruppe im Netz geschrieben: „Dienstags, halb acht, Rombachbad. Wir laufen langsam. Wirklich langsam." Ich habe den Beitrag dreimal gelöscht, bevor ich ihn stehen lassen habe. Meine größte Sorge war nicht, dass keiner kommt – sondern dass jemand kommt, der richtig laufen kann, und ich mich blamiere.
Beim ersten Termin standen elf Frauen da. Ich habe gedacht, ich krieg keine Luft mehr, so nervös war ich. Und dann hat die Erste gesagt: „Gott sei Dank, ich dachte schon, ich bin die Langsamste." Da war alles gut. Wir nennen uns bis heute halb im Scherz „die Schnecken vom Kocher".
Wer kommt denn zu euch?
Fast nur Frauen zwischen vierzig und siebzig, die dieselbe Geschichte haben wie ich – nur mit anderen Details. Eine war nach einer Operation zwei Jahre kaum vor die Tür. Eine hat nach der Trennung gemerkt, dass sie niemanden mehr hat, mit dem sie einfach reden kann. Eine ist mitgekommen, weil ihre Ärztin gesagt hat, sie soll sich bewegen, und sie hat sich ins Fitnessstudio nicht getraut.
Was alle verbindet: Sie kommen nicht wegen des Sports. Sie kommen, weil es bei uns keine Vorbedingung gibt. Man muss nichts können, nichts anmelden, nichts bezahlen, nicht mal Bescheid sagen, wenn man mal ein halbes Jahr nicht da war. Man steht einfach wieder da, und es fragt keiner, wo man war.
Wie sieht ein Dienstagabend bei euch heute aus?
Wir sind ungefähr dreißig im Verteiler, meistens kommen fünfzehn bis zwanzig. Vom Rombachbad los, eine kleine Runde, eine größere, wer will, geht hoch Richtung Aalbäumle. Wir haben drei Regeln: Es wird nicht gerannt. Es wird nicht auf die Uhr geschaut. Und keine geht allein nach Hause – die Schnellsten drehen um und holen die Letzte ab.
Diese dritte Regel ist die wichtigste. Ich weiß ja, wie sich Letzte-sein anfühlt. Bei uns gibt es das nicht. Hinterher sitzen wir noch eine halbe Stunde zusammen, und ehrlich: Das ist für die meisten der eigentliche Grund zu kommen. Da wird über Eltern geredet, die dement werden, über Kinder, die nicht anrufen, über Chefs. Und über nichts. Auch das braucht man.
"Keine geht allein nach Hause. Ich weiß ja, wie sich Letzte-sein anfühlt"
Was würdest du der Kathrin von damals sagen – und den Frauen, die das jetzt lesen und denken „für mich ist das nichts"?
Der Kathrin von damals würde ich sagen: Du musst nicht sportlich werden. Du musst nur raus. Der Rest kommt oder er kommt nicht, das ist zweitrangig.
Und den anderen: Fangt kleiner an, als ihr denkt. Zehn Minuten um den Block, im Dunkeln, mit den Schuhen, die ihr habt. Es muss niemand davon wissen. Ihr müsst euch bei niemandem anmelden und bei niemandem abmelden.
Ich habe dreißig Jahre gewartet, bis ich mich gut genug gefühlt habe für Bewegung – und dabei war es genau andersrum. Ich habe mich erst gut gefühlt, als ich angefangen habe.











