
MAA spricht mit Erika Lenz
Ich dachte, ich habe alles im Griff – bis mein Körper mich gestoppt hat
Erika Lenz ist Mutter von drei Kindern, berufstätig und eine Frau, die man auf den ersten Blick wahrscheinlich einfach als „ganz normal“ bezeichnen würde. Kein extremes Karriereziel, keine Selbstdarstellung, kein High-Performance-Leben. Und genau deshalb ist ihre Geschichte so nahbar. Denn auch ohne dieses „höher, schneller, weiter“ kann einem irgendwann alles zu viel werden. Erika erzählt, wie sie die Warnzeichen ihres Körpers lange übersehen hat, welche Folgen das hatte und warum sie heute weiß: Wer sich selbst dauerhaft hinten anstellt, zahlt am Ende einen hohen Preis.
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Foto: Erika Lenz, privat
Wie sah dein Alltag damals aus – bevor dein Körper dir Grenzen gezeigt hat?
Eigentlich ganz unspektakulär. Und genau das ist, glaube ich, auch das Gefährliche daran. Es war kein Leben, bei dem man von außen gesagt hätte: „Klar, dass das irgendwann zu viel wird.“ Ich war einfach Mama, berufstätig, Haushalt, Termine, Einkäufe, Wäsche, Essen, Fahrdienste, Arzttermine, Schule, Geburtstage, dieser ganz normale Wahnsinn, den viele Frauen kennen.
„Klar, dass das irgendwann zu viel wird.“
Ich hatte nie das Gefühl, dass ich etwas Außergewöhnliches leiste. Für mich war das einfach mein Alltag. Morgens aufstehen, Kinder fertig machen, arbeiten gehen, danach schnell noch einkaufen, nach Hause, Essen machen, nebenbei zuhören, organisieren, auffangen. Und abends fällst du dann zwar irgendwann aufs Sofa, aber nicht mit dem Gefühl, dass der Tag vorbei ist, sondern eher mit dem Gedanken: Was muss ich morgen alles schaffen?
Ich habe mich lange über dieses Funktionieren definiert. Ich war die, die alles im Blick hat. Die mitdenkt. Die organisiert. Und das fühlt sich im ersten Moment sogar gut an, weil man denkt: Ich krieg das hin. Aber man merkt gar nicht, wie man sich selbst dabei immer weiter nach hinten schiebt.
Wann hast du gemerkt, dass sich etwas verändert – und zwar nicht im positiven Sinne?
Das kam nicht plötzlich, sondern sehr schleichend. Am Anfang waren es Kleinigkeiten, die ich gar nicht ernst genommen habe. Ich habe gemerkt, dass ich zunehme. Nicht extrem, aber stetig. Und ich habe das immer wegerklärt: Stressphase, wenig Zeit, ist halt gerade so.
Dann kam dazu, dass ich mich immer müder gefühlt habe. Nicht einfach nur „ein bisschen kaputt“, sondern richtig erschöpft. Ich bin morgens aufgestanden und hatte manchmal schon das Gefühl, der Tag ist mir jetzt schon zu viel. Nachmittags war ich oft wie leer. Diese klassische Müdigkeit, die man mit einem Kaffee oder einem kurzen Hinsetzen wegkriegt, war das nicht mehr.
Dazu kamen noch andere Dinge: Ich hatte öfter Kopfschmerzen, mein Rücken hat sich gemeldet, ich war viel schneller gereizt als früher. Das hat mich fast am meisten belastet, weil ich mich selbst so gar nicht mochte. Ich hatte weniger Geduld, obwohl ich eigentlich ein sehr harmonischer Mensch bin. Und innerlich wusste ich schon: Das bist nicht wirklich du – das ist einfach ein Zustand, in dem du gerade feststeckst.
Gab es einen Moment, an dem du gemerkt hast: So geht es nicht weiter?
Ja, den gab es. Ich erinnere mich noch ziemlich genau daran, weil es gar nichts Dramatisches war – und gerade deshalb so eindrücklich.
Es war ein ganz normaler Morgen. Ich hatte die Kinder versorgt, alles lief wie immer. Und als sie aus dem Haus waren, habe ich mich kurz hingesetzt. Eigentlich nur für einen Moment. Aber ich habe in diesem Augenblick gemerkt: Ich bin nicht einfach müde. Ich bin komplett leer. Mir hat nicht nur die Kraft gefehlt, ich hatte auch emotional nichts mehr übrig.
Und gleichzeitig lief im Kopf sofort wieder dieser Satz: Du kannst jetzt hier nicht sitzen. Du musst weitermachen.Das war eigentlich der Punkt, an dem ich gemerkt habe, wie tief ich schon drin war. Dass ich nicht einmal mehr wahrnehmen konnte, dass ich am Limit bin, ohne mir direkt wieder Druck zu machen.
Was waren die konkreten körperlichen Konsequenzen, die du daraus ziehen musstest?
Ich habe dann irgendwann nicht mehr nur gespürt, dass etwas nicht stimmt, sondern mein Körper hat mir auch ganz klar gezeigt, dass ich so nicht weitermachen kann.
Ich war dauerhaft angespannt, hatte das Gefühl, nie wirklich runterzufahren. Mein Puls war oft erhöht, ich habe schlecht regeneriert und ich hatte einfach keine echte Energie mehr. Nicht diese normale Müdigkeit nach einem langen Tag – sondern so eine Grunderschöpfung, die einfach da war.
Ich war dann natürlich auch beim Arzt, weil ich irgendwann gemerkt habe: Das geht nicht mehr nur mit „reiß dich zusammen“. Und da wurde mir schon gesagt, dass ich aufpassen muss, wenn ich so weitermache. Nicht im Sinne von „morgen klappst du zusammen“, aber ganz klar in die Richtung: Dein Körper läuft auf Dauerstress, und das bleibt nicht ohne Folgen.
Das war für mich ehrlich gesagt hart zu hören. Weil ich mich nie als jemanden gesehen habe, der „am Ende“ ist. Ich dachte immer, ich bin belastbar. Ich schaffe das schon. Aber da habe ich verstanden: Belastbar zu sein heißt nicht, dass der Körper alles endlos mitmacht.
Was war dein erster Impuls – hast du direkt etwas verändert?
Nein, leider nicht. Mein erster Impuls war eher wieder typisch ich: Ich dachte, ich muss das jetzt einfach noch besser in den Griff bekommen. Noch disziplinierter sein. Noch strukturierter. Besser essen, mehr planen, vielleicht irgendwie Bewegung einbauen – dann wird das schon wieder.
Aber das Problem war: Ich war schon so leer, dass ich gar nicht mehr die Kraft hatte, Dinge wirklich konsequent umzusetzen. Ich wollte zwar etwas ändern, aber ich bin aus demselben Muster heraus an das Thema rangegangen, das mich überhaupt erst dahin gebracht hatte: noch mehr machen, noch mehr kontrollieren.
Und irgendwann habe ich gemerkt, dass genau das der Fehler ist.
Was hat dann den Unterschied gemacht?
Der eigentliche Wendepunkt kam, als ich verstanden habe, dass ich nicht nur meinen Alltag optimieren muss, sondern meine Haltung zu mir selbst.
Ich habe angefangen, mir ehrlich Fragen zu stellen. Warum sind alle anderen immer wichtiger als ich? Warum ist für alles Platz – für Termine, Verpflichtungen, Erwartungen –, aber nie wirklich für mich? Warum behandle ich meinen eigenen Akku, als wäre er unendlich?
Das war am Anfang unangenehm, weil ich mir natürlich eingestehen musste, dass ich selbst einen großen Anteil daran hatte. Niemand hat mich gezwungen, mich immer hinten anzustellen. Ich habe es selbst getan.
Und genau da hat die Veränderung begonnen.
Wie sah deine Neuausrichtung konkret aus?
Nicht radikal. Und das war wichtig. Ich hätte früher wahrscheinlich wieder den Fehler gemacht, alles auf einmal ändern zu wollen. Diesmal habe ich klein angefangen.
Ich habe mir bewusst Zeitfenster genommen, die nicht „übrig bleiben“, sondern wirklich für mich reserviert sind. Das klingt banal, aber für mich war das ein riesiger Schritt. Nicht erst dann etwas für mich zu machen, wenn alles andere erledigt ist – weil das in Wahrheit nie passiert.
Dann kam Bewegung dazu. Und das war für mich wirklich ein Gamechanger. Nicht, weil ich plötzlich zur Leistungssportlerin geworden bin, sondern weil ich gemerkt habe, was es mental mit mir macht. Wenn ich mich bewege, wird mein Kopf ruhiger. Ich fühle mich klarer, geerdeter, stabiler. Ich habe heute noch manchmal den Gedanken: Warum hast du damit nicht viel früher angefangen?
Auch bei der Ernährung habe ich einiges verändert. Nicht aus Zwang oder um irgendeinem Ideal hinterherzulaufen, sondern weil ich gemerkt habe, dass mein Körper Struktur braucht. Dass ich mich nicht ständig irgendwie nebenbei ernähren kann und erwarten darf, dass ich mich gut fühle.
Was war mental die größte Herausforderung in diesem Prozess?
Die Schuldgefühle. Ganz klar.
Gerade als Mutter hat man schnell das Gefühl, dass alles, was man für sich tut, irgendwem anders fehlt. Zeit, Aufmerksamkeit, Energie. Und ich musste wirklich lernen, dieses Denken umzubauen.
Ich habe irgendwann verstanden: Wenn ich mich selbst immer nur leer fahre, dann bin ich zwar körperlich anwesend – aber nicht wirklich da. Dann funktioniere ich nur noch. Und das hilft auf Dauer niemandem.
Das war für mich ein ganz wichtiger Punkt: Selbstfürsorge ist nicht egoistisch. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass du überhaupt noch geben kannst.
Was hat sich durch diese Veränderungen konkret verbessert?
Eigentlich alles. Nicht, dass mein Leben jetzt plötzlich stressfrei wäre – das wäre Quatsch. Aber ich gehe anders damit um.
Ich habe wieder mehr Energie, ich bin innerlich ruhiger, ich habe mehr Geduld und auch wieder mehr Freude an den kleinen Dingen. Körperlich merke ich es sowieso: Ich fühle mich wieder wohler, leichter, stabiler. Ich habe nicht mehr dieses dauerhafte Gefühl, dass ich mich nur noch durch den Tag schleppe.
Aber der größte Unterschied ist tatsächlich im Kopf. Ich bin nicht mehr nur im Reagieren. Ich bin wieder mehr bei mir.
Wenn du heute zurückblickst – was würdest du deinem früheren Ich sagen?
Ich würde sagen: Hör früher hin. Warte nicht, bis dein Körper laut werden muss.
Wir neigen so oft dazu, die ersten Signale wegzudrücken. Müdigkeit, Gereiztheit, Gewichtszunahme, Verspannungen – das wird alles irgendwie klein geredet. Aber der Körper meldet sich nicht grundlos.
Und ich würde mir sagen: Du musst nicht alles alleine tragen. Nur weil du es kannst, heißt das nicht, dass du es auf Dauer so machen solltest.
Was würdest du Frauen mitgeben, die sich in deiner Geschichte wiedererkennen?
Warte nicht darauf, dass es noch schlimmer wird, bevor du dir erlaubst, etwas zu verändern.
Viele Frauen funktionieren so lange, bis gar nichts mehr geht. Und sie denken, das sei normal. Ist es aber nicht.
Du musst nicht erst zusammenbrechen, um dir das Recht zu nehmen, auf dich selbst zu achten. Fang früher an. Kleine Schritte reichen. Aber fang an.
Und vor allem: Hör auf, dich selbst immer als Letzte zu behandeln. Auf Dauer zahlt man dafür einen Preis – und der ist oft höher, als man am Anfang denkt.











