
MAA spricht mit Markus Haag.
Täglich bis zu einer Stunde mehr Konzentration!
Markus Haag ist Optiker aus Leidenschaft. Sein Anspruch ist es eine Brille zu fertigen, die dem Träger einen perfekten „Durchblick“ ermöglicht. Haag weiß, dass eine exakt eingemessen und gefertigte Brille nicht nur Müdigkeit reduziert, sondern auch die Konzentrationsfähigkeit um bis zu eine Stunde steigen kann. Welche Aspekte dabei eine Rolle spielen, warum eine gute Optik keinesfalls eine Selbstverständlichkeit ist und was es mit dem gefährlichen blauen Licht auf sich hat, das erfährst du in diesem Interview.
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Bild: Markus Haag, privat
Ist die Brille mehr ein optisches Instrument oder eher ein Design-Accessoire?
Für die Kunden ist sie ein Design-Accessoire, für mich als Optiker in erster Linie ein optisches Instrument.
Das heißt, die Kunden legen mehr Wert auf das Design?
Ja, vor allem auf die Brillenfassung – also darauf, wie sie damit aussehen. Sie gehen automatisch davon aus, dass sie mit jeder Brille gut sehen werden. Beim Aussuchen steht deshalb immer im Vordergrund, wie die Brille aussieht und ob sie zum eigenen Stil passt. Eine Brille ist ja auch ein Stück weit ein Spiegelbild der eigenen Persönlichkeit und des Charakters. Das gute Sehen wird dabei einfach vorausgesetzt.
Das heißt, wenn jemand zum Optiker geht, achtet er in erster Linie auf das Aussehen der Brille?
Die meisten schauen erst, ob ihnen die Brille gefällt. Dass sie damit gut sehen können, wird als selbstverständlich betrachtet. Aber genau das ist die Herausforderung: Gutes Sehen zu ermöglichen, ist eine Kunst, die nur noch wenige Optiker wirklich beherrschen.
Gutes Sehen zu ermöglichen, ist eine Kunst, die nur noch wenige Optiker wirklich beherrschen.
Merken denn die Kunden den Unterschied, wenn die Brille wirklich gut angepasst ist?
In vielen Fällen ja. Vor allem, wenn sie zuvor bei einem anderen Optiker waren, der nur Standardlösungen angeboten hat. Viele Menschen haben Probleme mit ihren Gleitsichtbrillen, weil sie sich damit nicht wohlfühlen.
Woran liegt das?
Oft haben sie einfach Gläser aus der Mittelklasse oder vermeintliche „High-End-Gläser“, die technisch gesehen aber nur zweitklassig sind. Wenn man dann wirklich die besten Gläser verwendet – und der Kunde bereit ist, dafür zu investieren – merkt er den Unterschied deutlich.
An was?
Zum Beispiel an extrem breiten Sehbereichen, kein Schwanken und kein Suchen des Fokus. Kopfschmerzen oder andere Beschwerden sind dagegen oft ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt – entweder die Werte sind nicht optimal oder die Gläser wurden nicht perfekt eingeschliffen. Es gibt viele kleine Faktoren, die zusammenspielen müssen, damit das Sehen wirklich angenehm ist.
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Was genau passiert eigentlich, wenn ich beim Optiker meine Brille anpassen lasse?
Zuerst machen wir eine Messung mit dem sogenannten Wave Analyzer. Dabei prüfen wir unter anderem die Klarheit der Augenlinse. Jeder Mensch entwickelt mit zunehmendem Alter einen grauen Star, aber wir klassifizieren, wie weit er fortgeschritten ist und ob eine Operation schon sinnvoll wäre. Zusätzlich messen wir den Augeninnendruck. Denn weltweit erblinden immer noch die meisten Menschen an grauem Star, weil ein erhöhter Augeninnendruck zu spät erkannt wird. Wenn der Druck zu hoch ist, wird die Netzhaut gequetscht, was zu Bildausfällen führt.
Das bedeutet, du überprüfst nicht nur die Sehstärke, sondern auch, ob das Auge gesund ist?
Genau. Ich arbeite seit 29 Jahren in diesem Bereich und nutze immer die neuesten Technologien. Auf Basis der Messergebnisse kann ich beispielsweise erkennen, ob ein Astigmatismus an der Linse oder an der Hornhaut liegt. Ein sogenannter Linsenastigmatismus bedeutet, dass die Linse sich je nach Blickrichtung verformt, wodurch sich auch der Zylinderwert verändert. Das macht das Sehen besonders schwierig – und es ist kaum möglich, es perfekt auszugleichen. Wenn man den Menschen aber erklärt, warum sie diese Probleme haben, verstehen sie es besser und sind am Ende zufriedener.
Wie läuft dann die eigentliche Augenprüfung ab?
Die klassische Augenprüfung wird weltweit meist in 0,25-Dioptrien-Schritten durchgeführt – also zum Beispiel -1,00 oder -1,25 Dioptrien. Der Optiker muss sich dann entscheiden, ob er etwas mehr oder etwas weniger gibt. Wir messen hier jedoch auf Hundertstel genau. Diese Messtechnik gibt es erst seit etwa zehn Jahren, und wir waren weltweit unter den ersten fünf Optikern, die sie genutzt haben.
Wir messen hier jedoch auf Hundertstel genau. Diese Messtechnik gibt es erst seit etwa zehn Jahren, und wir waren weltweit unter den ersten fünf Optikern, die sie genutzt haben.
Was bedeutet das konkret?
Statt in 0,25er-Schritten messen wir mit einer Genauigkeit von 0,01 Dioptrien. Das heißt, wenn jemand einen Zylinderwert von -1,13 hat, muss ich mich nicht zwischen -1,00 oder -1,25 entscheiden, sondern kann exakt den richtigen Wert bestimmen. Das verbessert das Sehen um etwa zwei bis fünf Prozent – und sorgt für deutlich entspannteres, ermüdungsfreieres Sehen.
Das heißt, die exakte Messung ist die Grundlage dafür, dass die Gläser wirklich perfekt passen?
So ist es. Wir prüfen zuerst die Augengesundheit und messen dann die exakte Sehstärke. Wenn jemand in der Anamnese Auffälligkeiten zeigt – zum Beispiel typische Anzeichen für bestimmte Erkrankungen, können wir zusätzlich die Netzhaut untersuchen.
Was kann man anhand der Netzhaut erkennen?
Viel mehr, als man denkt. Zum Beispiel lässt sich Diabetes oft schon an der Netzhaut ablesen, noch bevor die Krankheit im Blut nachgewiesen werden kann. Auch Erkrankungen wie Makuladegeneration – bei der die Netzhaut langsam zerstört wird – kann man frühzeitig erkennen. Es gibt leider noch keine Heilung, aber man kann zumindest frühzeitig Maßnahmen ergreifen. Wenn ich sehe, dass eine Brille für den Patienten keinen Sinn macht, weil eine medizinische Ursache vorliegt, dann schicke ich ihn direkt zum Augenarzt.
Viele Menschen gehen ja ungern zum Augenarzt – oder bekommen dort schwer einen Termin. Ist es dann sinnvoll, erst zum Optiker zu gehen?
Ja, absolut. Natürlich sollte man bei der ersten Brille zum Augenarzt gehen, aber auch später kann ein guter Optiker viele gesundheitliche Risiken frühzeitig erkennen. Allerdings haben nur wenige Optiker die technischen Möglichkeiten und die nötige Ausbildung für solche Messungen. Viele große Optikerketten versuchen mittlerweile, auf den Zug aufzuspringen – aber meist geht es dabei nur ums Geschäft. Ich mache das nicht aus Profitgründen, sondern weil ich Spaß an der Technologie habe und den Menschen bestmöglich helfen möchte.
Die Stärke der Brille hat auch Einfluss auf die Fassung, oder?
Wenn die Werte hoch sind, kann man nicht einfach jede Fassung nehmen, weil das Glas dann zu dick ist und hinterher unschön aussieht. Hier ist ein Beispiel: (zeigt eine Brille mit dicken Gläsern) Das sind zweimal -6,0 Dioptrien. Einmal mit einer großen Brillenfassung – da sieht man, dass das Glas deutlich dicker wird. Wenn ich hingegen eine kleinere Brille nehme, wie bei mir, dann bleibt das Glas viel dünner.
Also muss man bei bestimmten Werten genau darauf achten, welche Fassung man verkauft?
Ja, definitiv.
Und jede Fassung sitzt anders auf der Nase, oder?
Jede Fassung hat einen anderen Sitz und Winkel. Wenn man die von der Seite anschaut, sieht man, dass sie unterschiedlich geneigt sind. Manche sind gerader, andere stärker durchgewölbt.
Und ihr vermesst exakt, wie man durch die Fassung schaut?
Ja, mit unserem Videozentriersystem.
Dann gibt es noch weitere Messungen, wie Eye-Code. Was genau ist das?
Eye-Code beschreibt, wo das Auge im Kopf gelagert ist. Das ist eine Erfindung von Essilor. Der Augenforscher Gullstrand hat vor über 100 Jahren eine Reihenmessung gemacht, um eine durchschnittliche Augengröße zu bestimmen. Er hat einfach einen Mittelwert genommen: „So groß ist ein Auge, Punkt.“ Aber die Menschen, die hier in den Laden kommen, haben ja kein normgerechtes Auge. Kurzsichtige haben ein längeres Auge, Weitsichtige ein kürzeres. Dadurch ändert sich der Drehpunkt des Auges.
Dieser Drehpunkt wird also extra vermessen?
Ja, genau.
Also wird geschaut, wie ich gucke?
Nein. Hier geht es darum, wie die Abstände im Auge sind. Wenn das Licht ins Auge fällt, durch den theoretischen Drehpunkt geht, aber nicht korrekt auf der Netzhaut landet – weil das Auge zu lang oder zu kurz ist – muss das Auge sich leicht verdrehen, um scharf zu sehen. Wenn dieser Drehpunkt nicht exakt berechnet wird, muss das Auge ständig korrigieren. Das strengt an. Wenn man den Drehpunkt aber berücksichtigt, kann das Auge entspannter sehen.
Wenn dieser Drehpunkt nicht exakt berechnet wird, muss das Auge ständig korrigieren.
Das bedeutet also weniger Ermüdung?
Ja, weniger Ermüdung und auch ein besseres Sehen in der Dämmerung, weil das Licht genau auf den Punkt des besten Sehens trifft. Wir messen auch den Abstand von der Nasenwurzel bis zur Pupillenmitte – ebenfalls aufs Zehntel genau. Je nach Brillenfassung gibt es dann noch Unterschiede: Der Pupillenabstand (PD) bleibt gleich, aber der Höhenunterschied – also die Distanz vom Fassungsrand zur Pupillenmitte – variiert bei jeder Fassung. Dieser Wert wird ebenfalls aufs Zehntel genau vermessen.
Das bedeutet, das Glas wird speziell für meine Fassung angefertigt, damit ich optimal hindurchsehe?
Genau. Das nennt sich Individualisierung. Die Fassungsform wird dreidimensional vermessen. Dann werden deine Sehdurchblickspunkte berechnet. Bei hochwertigen Gleitsichtgläsern wird das alles genau angepasst.
Und bei Standard-Gleitsichtgläsern?
Die, die du bei Standard-Optikern bekommst, kommen als runde Rohlinge. Da ist es egal, welche Fassung du hast – die Gläser sind nicht individuell angepasst. Bei unseren Top-Gleitsichtgläsern wird aber auch die Fassungsform berücksichtigt. Auch Faktoren wie der Winkel und die Wölbung der Fassung fließen alle in die Berechnung des Glases ein. Der Glashersteller fertigt dann genau für dich ein individuelles Glas an.
Das klingt aufwändig.
Ist es auch. Das ist vor allem bei den Top-Gläsern der Fall, die ich im Laden habe. In Deutschland gibt es etwa 15.500 Optiker, aber nur rund 200 arbeiten mit dieser Technologie. Wir sind einer davon. Diese speziellen Gläser bekommt man nur, wenn man die erforderlichen Messgeräte vom Hersteller besitzt.
In Deutschland gibt es etwa 15.500 Optiker, aber nur rund 200 arbeiten mit dieser Technologie. Wir sind einer davon.
Das erinnert mich an einen Maßanzug. Da ist es ja auch wichtig, dass der Schneider vorher genau misst. Wenn die Maße nicht stimmen, passt der Anzug nicht.
Ja, so ist es! Wenn man sich bei der Messung vermisst oder falsche Angaben macht, geht alles schief. Dann muss man neu messen und das Glas noch einmal anfertigen.
Gibt es bei Brillen also auch so etwas wie einen Discounter und einen Maßanfertiger?
Ja, so kann man das sehen. Es gibt günstige Standardbrillen und es gibt Optiker, die maßgefertigte Brillen anbieten.
Warum machen das nicht mehr Optiker?
Diese Messgeräte sind sehr teuer. Dazu kommt, dass die gesamte Werkstatt auf einem extrem hohen Niveau arbeiten muss.
Die meisten Optiker bekommen also fertige Brillen aus der Fabrik?
Ja, viele Filialisten lassen ihre Brillen komplett in Asien fertigen. Die Gläser werden dort direkt in die Fassungen eingearbeitet – oft nicht besonders gut.
Ihr bekommt die Gläser also als Rohlinge und setzt sie selbst in der Werkstatt ein?
Genau. Wir erhalten kreisrunde Rohlinge und passen sie individuell an.
Ist das nicht mehr selbstverständlich?
Nein, leider nicht.
Spielt auch die Erfahrung des Optikes eine Rolle?
Ja, absolut. Maschinen können viel, aber einige Dinge müssen immer noch per Hand gemacht werden. Das ist ein Punkt, den viele Optiker nicht mehr bieten können. Sie haben weder das nötige Know How noch die erforderlichen Maschinen.
Über welche Kosten sprechen wir da?
Wir reden von ungefähr 50.000 Euro für eine High-End-Maschine, die exakt die Daten umsetzen kann. Ein normaler Schleifautomat für Standardgläser kostet dagegen zwischen 12.000 und 14.000 Euro.









