
MAA spricht mit Martin Zöller
Wenn der Himmel leuchtet – Die Leidenschaft eines Feuerwerk-Enthusiasten zwischen Kindheitsfaszination, Perfektionsplanung und Gänsehautmomenten
Martin Zöller verbindet mit Feuerwerk weit mehr als nur ein Hobby: Für ihn ist es Ritual, Emotion und präzise geplante Inszenierung zugleich. Was als Faszination in der Kindheit begann, ist heute eine monatelang vorbereitete Choreografie aus Farben, Technik und Timing, das Silvester ein Publikum aus der Nachbarschaft anzieht, fast wie ein professionelles Stadtfeuerwerk.
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Foto: Martin Zöller, privat
Welche Rolle spielt das Feuerwerk für dich ganz persönlich?
Schon als kleines Kind hat mich Feuerwerk fasziniert. Einmal im Jahr durfte es laut sein, überall hat es geglitzert und gefunkelt – das war einfach wunderschön. Als Jugendlicher durfte ich natürlich nur im Rahmen der Regeln mitmachen, aber diese Begeisterung ist geblieben. Im Erwachsenenalter ist für mich zusätzlich die Tradition wichtig geworden: gesund ins neue Jahr zu kommen, gemeinsam zu feiern. Und wenn ich heute die leuchtenden Augen von Kindern sehe, wenn eine Rakete in den Himmel steigt, dann berührt mich das sehr.
Durften deine Kinder von Anfang an mit dabei sein?
Nein, nicht sofort. Meine große Tochter wollte zwar schon früh unbedingt dabei sein. Sie war etwa fünf oder sechs Jahre alt, als sie das erste Mal um Mitternacht zuschauen durfte. Der Kleine ist jetzt fünf und war ebenfalls dabei. Auch er war von Anfang an fasziniert. Kinder bekommen dabei wirklich leuchtende Augen – das ist wunderschön zu sehen.
Dein Feuerwerk wirkt inzwischen fast wie ein städtisches Feuerwerk. War das schon immer so groß oder hat sich das entwickelt?
Das hat sich mit der Zeit gesteigert. Ich engagiere mich nebenbei viel – für Natur- und Umweltschutz, für Vereine und für die Allgemeinheit. Aber es gibt eben auch Momente, in denen ich wieder Kind sein möchte. Und das ist für mich Silvester. Da darf es dann auch einmal größer werden. Viele Beobachter denken tatsächlich, es sei ein städtisches Feuerwerk, wie man es vielleicht bei einem Stadtfest in Aalen, Ellwangen oder Schwäbisch Gmünd sieht. Und ja – von der Qualität her kann es da durchaus mithalten.
Wie läuft die Planung ab?
Mindestens acht Monate vorher geht es los. Ich überlege mir, welche Effekte wann kommen sollen. Die finalen Gespräche mit dem Hersteller finden etwa drei Monate vorher statt, meist über einen guten Freund von mir. Natürlich alles im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten. Es handelt sich nicht mehr um einzelne Batterien, sondern um sogenannte Verbundfeuerwerke. Die schwerste Einheit hatte etwa 38 Kilo. Ein komplettes Verbundfeuerwerk kann durchaus 40 Kilo wiegen, mit acht bis zehn Kilo Effektmasse.
Ein komplettes Verbundfeuerwerk kann durchaus 40 Kilo wiegen, mit acht bis zehn Kilo Effektmasse.
Wie entsteht die Choreografie?
Das meiste entsteht im Kopf. Man beginnt eher ruhig, steigert sich Schritt für Schritt – und am Ende braucht es einen kraftvollen Abschluss. So lässt sich das am besten beschreiben. Wichtig sind vor allem die Farben. Unterschiedliche Farbeffekte machen auch einen großen Teil des Preises aus. Da kann man viel Geld investieren. Ich versuche immer, ein gutes Maß zu finden.
Gibt es spezielle Fachbegriffe?
Ja, zum Beispiel sprechen wir vom Kaliber. Das bezeichnet den Durchmesser der Hülse und hängt mit der Treibladung zusammen. Die Kaliber beginnen bei 12 und gehen über 16, 18, 20 bis hin zu 30. Je nach Kaliber erreicht man unterschiedliche Höhen – etwa 30, 50 oder sogar 100 Meter. Eine typische Supermarkt-Rakete steigt ungefähr 60 Meter hoch. Mit größeren Kalibern kann es mehr als doppelt so hoch gehen. Auch die Effektmasse unterscheidet sich deutlich. Während eine kleinere Rakete vielleicht rund 30 Gramm enthält, können größere eine Effektmasse von 120 bis 150 Gramm haben. Entscheidend ist die Menge der Effekt- beziehungsweise Detonationsmasse – nicht zu verwechseln mit reinem Sprengstoff.
Was ist für dich der schönste Moment – die Planung oder der Augenblick selbst?
Beides hat seinen Reiz. Die Vorfreude und die Planung sind wichtig. Aber wenn es dann um Mitternacht – meist fünf bis zehn Minuten nach zwölf – losgeht, nachdem man angestoßen hat, dann ist das Adrenalin da. Mit den Kindern zusammen draußen zu stehen und es gemeinsam zu genießen, das ist einfach schön. Auch wenn ich es selbst nicht aus derselben Perspektive sehe wie die Nachbarn, bekomme ich regelmäßig Videos geschickt und weiß dann, wie es gewirkt hat. Im Grunde ist es dasselbe Gefühl wie früher mit 18, als ich meine erste Rakete gezündet habe – nur eben größer.
Und wie lange ging dein Feuerwerk dieses Jahr?
Insgesamt – mit Unterbrechungen – waren es 56 Minuten. Real gebrannt hat es etwa 40 bis 45 Minuten.
Insgesamt – mit Unterbrechungen – waren es 56 Minuten. Real gebrannt hat es etwa 40 bis 45 Minuten.
Angefangen hat es um Mitternacht und aufgehört gegen ein Uhr, vielleicht kurz danach.
56 Minuten? Wahnsinn. Und ‚Verbundfeuerwerk‘ heißt – du zündest das nur einmal an?
Man kann so etwas elektrisch schalten und also mit Elektrozündung nacheinander abfeuern. Ich mache es aber bewusst auf Oldschool-Art, ganz klassisch mit dem Feuerzeug. Deshalb gibt es immer wieder kleine Unterbrechungen.
Das heißt, du zündest immer wieder neu an
Genau. Ich zünde jede Batterie einzeln an. Elektronisch wäre es komfortabler, aber ich mache es ganz bewusst so.
Wie viele Batterien waren es dieses Jahr?
Sechs Stück – insgesamt mit über 1.200 Schuss.
1.200 Schuss – entspricht das 1.200 Raketen?
Mindestens, ja.
Freust du dich da mit den Nachbarn mit – oder ist das vor allem für dich und den kleinen Jungen in dir?
In erster Linie macht man es natürlich für sich selbst. Aber jedes Jahr kommen viele Nachbarn – 40 bis 50 Leute stehen unten an der Straße oder kommen direkt zu uns. Familien sind dabei, auch Menschen, die selbst nichts kaufen möchten oder können. Das ist völlig in Ordnung. Man merkt, dass es vielen Freude macht.
Was ist der schönste Moment im ganzen Prozess – von der ersten Idee bis zur Durchführung?
Wenn alles funktioniert. Wenn der Ablauf genau so passt, wie man ihn geplant hat. Das sorgt auch mal für Gänsehaut.
Beziehst du deine Familie in die Planung mit ein?
Ja meine Tochter gibt mir an und an gute Tipps ;-)
Tauschst du dich mit anderen aus?
Mit Freunden schon. Einige schießen ebenfalls Feuerwerk. Da tauscht man sich aus und gibt sich Tipps. Sie merken allerdings auch, dass ich das etwas intensiver betreibe. Eine große Community oder einen Internetkanal habe ich nicht. Das ist und bleibt mein privates Thema.
Was kostet so ein Feuerwerk in dieser Größenordnung?
In dieser Form – also für 2025 oder 2026 – mindestens 3.500 Euro.
Das ist eine Hausnummer.
Ja, aber andere Menschen haben andere Hobbys. Manche fahren Motorrad, sammeln Oldtimer oder kaufen sich ein Rennrad für 10.000 Euro. Beim Angeln habe ich allein für meine Ausrüstung rund 15.000 Euro investiert. Jedes Hobby kostet Geld.
Angeln und Feuerwerk – Feuer und Wasser. Wie passt das zusammen?
Das passt gut. Beim Angeln geht es um Ruhe, Geduld und Natur. Wir Angler betreiben Hege am Gewässer und kümmern uns um den Bestand. Beim Feuerwerk dagegen geht es um den kurzen, intensiven Moment. Beides hat seinen Reiz – einmal stundenlang am Fluss sitzen, einmal zehn Minuten Spektakel genießen.
Kaufst du dein Feuerwerk im Supermarkt?
Nein. Im Supermarkt bekommt man keine schlechten Sachen, aber das sind meist Einzelartikel. Ich bestelle bei spezialisierten Händlern. Wichtig ist, sich vorher online Videos anzuschauen, wie die Batterie abbrennt. Das mache ich immer. Viele sind enttäuscht, wenn sie 50 Euro für eine Batterie ausgeben und sie hat nur 16 Schuss oder wirkt unspektakulär. Deshalb: vorher ansehen, bequem von zu Hause. Dann weiß man, was man bekommt.
Deshalb musst du auch nichts skizzieren – du planst anhand der Videos?
Genau. Ich schaue mir an, wie die Batterien wirken, und setze sie dann nacheinander. Parallel zünde ich nichts. Dann entsteht zu viel Nebel, die Sicht ist weg. Das bringt nichts – weder für mich noch für die Nachbarn.
Und wenn das Wetter schlecht ist?
Wenn es zu neblig ist, zünde ich nicht. Dann lasse ich es oder reduziere auf ein, zwei Batterien. Es soll ja Freude machen und sichtbar sein. Wenn das Wetter nicht passt, lagere ich ein.
Ist das problematisch, Feuerwerk ein Jahr lang aufzubewahren?
Man muss es trocken und dunkel lagern. Dann ist das kein Problem.
Hattest du schon einmal den Gedanken, dir selbst etwas zu bauen oder besondere Böller aus dem Ausland zu besorgen?
Ganz ehrlich: Das finde ich unverantwortlich. Diese sogenannten „Polenböller“ sind ultragefährlich. Da reden wir nicht mehr von normalem Schwarzpulver, sondern teilweise von Detonationspulver – ein ganz anderes Kaliber. Das sind durchaus tödliche Geräte. Deshalb finde ich es gut, dass es Grenzkontrollen gibt, etwa Richtung Tschechien oder Polen. Das ist nichts zum Spaß. Diese Böller haben kein CE-Zeichen, gar nichts. Da werden teilweise ohne Zulassung Dinge gebaut und schwarz verkauft. Kurz vor Silvester waren wir in Tschechien bei einem großen Pokerturnier. Auf einem Markt in Grenznähe haben wir gesehen, wie die Ware transportiert wurde – Batterien fielen vom Gabelstapler und wurden einfach wieder draufgelegt. Das geht gar nicht. Absolutes No-Go. Wenn schon Feuerwerk, dann nur geprüfte Ware mit CE-Kennzeichnung, ganz normal im Laden gekauft.
Du gibst jedes Jahr eine größere Summe dafür aus. Hinterfragst du das manchmal?
Der Gedanke kommt schon – je nach wirtschaftlicher Lage. Früher waren die Feuerwerke kleiner. Es gab auch Jahre, in denen ich gesagt habe: Dieses Jahr machen wir nichts. Wenn man auf Urlaub oder gutes Essen verzichten müsste, nur um zu böllern, dann macht man es nicht. Das muss Geld sein, das übrig ist.
Feuerwerk ist jedes Jahr ein großes Diskussionsthema – gerade wegen Umwelt und Tieren. Du setzt dich selbst für Umweltschutz ein. Wie passt das zusammen?
Gar nicht. Es ist klar: Für Tiere ist das nicht gut – weder für Wildtiere noch für Haustiere. Das ist eine Tatsache. Aber wir reden von einem Tag im Jahr, von ein paar Stunden. Das soll keine Entschuldigung sein, aber das ist der Rahmen. Was ich nicht verstehe, sind Menschen, die zwei Tage vorher und noch Tage danach böllern. Dafür habe ich kein Verständnis. Wenn sich alle an diese kurze Zeit halten würden, gäbe es die Diskussion über ein generelles Verbot wahrscheinlich nicht. Man muss einen Kompromiss finden. Für mich ist dieser Kompromiss eine kleine Zeit im Jahr, in der es erlaubt ist. Natürlich sehen andere das anders. Das akzeptiere ich vollkommen.
Erlebst du eher Verständnis oder Ablehnung?
Ich würde sagen, 80 bis 85 Prozent haben durchaus Verständnis. Der Rest sagt: „Bescheuert. So viel Geld – einfach weg.“ Aber wenn man normal miteinander redet – nicht übereinander, sondern miteinander –, dann gibt es auf beiden Seiten Verständnis. Ich verstehe Tierbesitzer, und viele Tierbesitzer verstehen mich. Nur wenige lehnen es komplett ab. Das finde ich ermutigend. Im Grunde kommen die Leute gut miteinander klar.
Wie wichtig ist dir Silvester?
Silvester ist für mich ein besonderer Punkt im Jahr. Wenn man weiß, man hat unternehmerisch und beruflich alles richtig gemacht und erwartet, dass das nächste Jahr gut weitergeht, dann ist das ein Moment zum Feiern. Nach 60 oder 70 Stunden Arbeit pro Woche ist das Feuerwerk auch eine Art Belohnung.
Nach 60 oder 70 Stunden Arbeit pro Woche ist das Feuerwerk auch eine Art Belohnung.
Was wünschst du dir, dass Menschen fühlen, wenn sie dein Feuerwerk sehen?
Freude. Mut. Glück. Dass sie schlechte Gefühle ein Stück weit wegstoßen. Feiern, anstoßen und sagen: Wir haben ein gutes Jahr geschafft – und es geht gut weiter. Jetzt sind wir wieder 18, stoßen an – und selbst wenn es am nächsten Tag vielleicht etwas schwerfällt: Es wird schon gut.
Du wolltest noch etwas zur Situation in Großstädten sagen.
Ja. Dort wird die eigentliche Funktion von Feuerwerk oft missbraucht. Gerade deshalb kommt das Thema Böllerverbot immer wieder auf. Ich bin klar der Meinung: Aus Innenstädten gehört es komplett raus. Das ist ultragefährlich. Wer schon einmal einen Böller um die Ohren bekommen hat, weiß, wovon ich rede. In Innenstädten sollte es lieber organisierte, sichere Stadtfeuerwerke geben. Das ist der richtige Weg.
Welches Feuerwerk hat dich besonders beeindruckt?
Richtig angefixt hat mich früher das Seenachtfest in Konstanz, bei dem Deutschland und die Schweiz gegeneinander antreten. Die Länder stehen gewissermaßen im Wettbewerb. Das ist ein tolles Erlebnis: Man steht draußen am Ufer und genießt die Show. Solche gut organisierten, professionellen Veranstaltungen zeigen für mich, wie Feuerwerk funktionieren kann – eindrucksvoll, gemeinschaftlich und gleichzeitig sicher.
Danke für das Gespräch.
Sehr gerne.










