
MAA spricht mit Sieglinde Bauer
Mit 40 Abi nachgeholt, studiert und eigene Praxis für Psychotherapie: Warum es für Sieglinde kein „zu spät“ gibt
Sieglinde Bauer ist heute 54 Jahre alt, selbstständig und führt ihre eigene Praxis im Bereich Psychotherapie. Ein Weg, der auf den ersten Blick geradlinig wirkt – wäre da nicht der Anfang gewesen: Hauptschulabschluss, Ausbildung im Familienbetrieb und jahrzehntelang ein Leben, das eigentlich nie ihr eigenes war. Erst mit 40 Jahren traf sie eine Entscheidung, die alles verändert hat.
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Foto: Sieglinde Bauer, privat
Sieglinde, wenn man heute auf dein Leben schaut – eigene Praxis, Psychotherapie – wirkt das wie ein klarer Weg. War das schon immer dein Plan?
Eigentlich schon. Zumindest der Wunsch war früh da. Ich wollte immer mit Menschen arbeiten, verstehen, was in ihnen vorgeht, helfen. Psychologie hat mich schon als junges Mädchen fasziniert.
Aber ich bin nach der Schule erstmal einen ganz anderen Weg gegangen. Hauptschulabschluss, dann die Ausbildung zur B ürokauffrau im Familienbetrieb. Das war der „vernünftige“ Weg. Sicher. Planbar. Und ehrlich gesagt auch ein Stück weit vorgegeben.
Der Traum war nie weg – aber er war irgendwo hinten angestellt.
Warum hast du ihn so lange nicht verfolgt?
Weil ich dachte, es geht nicht.
Mit einem Hauptschulabschluss denkst du nicht: „Ich werde Psychologin.“ Du denkst eher: „Sei froh, dass du einen sicheren Job hast.“
Dazu kommt: Alltag. Verantwortung. Gewohnheit. Du funktionierst einfach. Und je länger du in diesem System bist, desto schwerer wird es, auszubrechen.
Der entscheidende Punkt war nicht ein einzelnes Ereignis – sondern eher die Erkenntnis: Wenn ich es jetzt nicht mache, mache ich es nie.
Und dieser Gedanke hat mehr Druck erzeugt als jede Angst.
Du hast dann mit 40 nochmal komplett neu angefangen. Was hieß das konkret?
Komplett bei null.
Ich habe angefangen, meine Schulabschlüsse nachzuholen. Über den zweiten Bildungsweg. Abendschule. Lernen neben dem Alltag. Dinge, die ich teilweise 20 Jahre nicht mehr gemacht hatte.
Das war kein „Ich probiere mal“. Das war ein klares Commitment.
Parallel musste ich Entscheidungen treffen, die nicht angenehm waren. Ich bin aus dem Familienbetrieb ausgestiegen – ein Unternehmen, das mein Bruder geführt hat. Das war nicht nur ein Jobwechsel. Das war auch emotional ein Einschnitt.
Und dann kam der finanzielle Teil: Kein festes Einkommen mehr. Stattdessen Rücklagen, die ich bewusst vorher aufgebaut hatte. Ohne die wäre es nicht gegangen.
Das klingt nicht nach „einfach mal machen“. Was war die größte Herausforderung in dieser Phase?
Ganz klar: Zweifel.
Nicht nur von außen – auch von mir selbst. Du sitzt mit Anfang 40 wieder in einem Klassenzimmer oder lernst für Prüfungen und denkst dir: „Was machst du hier eigentlich?“
Und gleichzeitig läuft das Leben weiter. Rechnungen hören nicht auf. Verantwortung verschwindet nicht.
Dazu kommt: Du bist nicht mehr 20. Du hast Verpflichtungen. Du kannst nicht einfach sagen: „Wird schon irgendwie.“
Was mir extrem geholfen hat, war mein Umfeld – vor allem mein Partner. Ohne diese Unterstützung hätte ich das nicht durchgezogen.
Wie ging es nach den Schulabschlüssen weiter?
Danach kam der nächste Schritt: die fachliche Ausbildung.
Ich habe mich für den Weg als Heilpraktikerin für Psychotherapie entschieden. Das war für mich der realistischste und sinnvollste Weg, um in die Praxis zu kommen.
Rein formal ist der Zugang zwar möglich – theoretisch reicht sogar ein Hauptschulabschluss und das Bestehen der Prüfung beim Gesundheitsamt – aber das bedeutet nicht, dass es einfach ist.
Die Prüfung ist anspruchsvoll. Du musst dir ein breites Wissen aneignen: Krankheitsbilder, Diagnostik, rechtliche Grundlagen, therapeutische Ansätze. Schriftlich und mündlich.
Ich habe dafür intensiv gelernt. Nicht nebenbei. Sondern mit klarem Fokus.
Gab es Momente, in denen du kurz davor warst, aufzugeben?
Ja. Mehr als einmal.
Nicht, weil ich nicht wollte – sondern weil der Weg lang war. Es ist ein Unterschied, ob du etwas „gerne hättest“ oder ob du wirklich bereit bist, den Preis dafür zu zahlen.
Und der Preis war da: finanzielle Unsicherheit, Zeit, Energie, Verzicht.
Aber ich hatte irgendwann einen Punkt erreicht, an dem Aufgeben keine Option mehr war. Weil ich wusste: Wenn ich jetzt zurückgehe, bleibe ich genau da, wo ich mein Leben lang war.
Mit Ende 40 hast du dann deine eigene Praxis eröffnet. Was ging in dir vor in diesem Moment?
Ehrlich? Stolz. Und Erleichterung.
Nicht, weil plötzlich alles leicht war – sondern weil ich wusste: Ich habe es durchgezogen.
Ich habe mir selbst bewiesen, dass es geht. Dass es egal ist, wo du startest.
Und ich war unglaublich dankbar. Für den Weg. Für die Menschen, die mich unterstützt haben. Und auch für die schwierigen Phasen – weil sie mich gezwungen haben, wirklich dranzubleiben.
Heute bist du 54. Wenn du zurückblickst – was würdest du deinem 20-jährigen Ich sagen?
Dass der Weg nicht immer gerade sein muss.
Und vor allem: Dass es nicht zu spät ist.
Wir haben oft dieses Bild im Kopf, dass bestimmte Dinge nur in einem bestimmten Alter möglich sind. Ausbildung, Studium, Selbstständigkeit.
Aber das ist Quatsch.
Die einzige echte Grenze ist die Entscheidung, es nicht zu tun.
Was sagst du Menschen – vor allem Frauen –, die spüren, dass da noch mehr in ihnen steckt, sich aber nicht trauen?
Dann hör auf zu warten.
Die meisten warten auf den perfekten Zeitpunkt. Auf Sicherheit. Auf ein Zeichen.
Das kommt nicht.
Du wirst nie alle Antworten haben. Du wirst nie ohne Zweifel starten.
Die Frage ist nicht: „Bin ich bereit?“Die Frage ist: „Bin ich bereit, es trotzdem zu tun?“
Und vielleicht noch wichtiger: Fang kleiner an, als du denkst. Du musst nicht alles auf einmal verändern. Aber du musst anfangen.
Weil der größte Fehler nicht ist, zu scheitern.Der größte Fehler ist, es nie versucht zu haben.











