
MAA spricht mit Brigitte Fischer
Vom fremden Traum zum eigenen Zuhause – wie Brigitte Fischer sich Ungarn ins Leben holte
Ungarn war für Brigitte Fischer lange einfach ein Ort, von dem andere erzählten. Heute besitzt sie dort ein Haus, hat es renoviert und verbringt einen großen Teil ihres Jahres genau dort – obwohl sie lange selbst nicht wusste, wie dieser Traum überhaupt finanzierbar sein sollte. Ein Gespräch über Mut, Umwege und darüber, warum man nicht immer den ganzen Weg kennen muss, bevor man losgeht.
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Bild: Brigitte Fischer, privat
Brigitte, Ungarn ist für viele eher ein Urlaubsziel oder ein schöner Gedanke – für dich wurde es deutlich mehr. Wie hat diese Geschichte überhaupt begonnen und wann wurde aus einem schönen Gedanken ein echter Plan?
Eigentlich war es am Anfang gar nicht mein eigener Traum. Ich hatte eine Freundin, mit der ich oft in Ungarn unterwegs war. Sie war regelrecht verliebt in dieses Land und hat immer davon gesprochen, irgendwann dort einen Ort zu haben, an dem sie mehr Zeit verbringen kann. Und wie das manchmal so ist – wenn jemand mit echter Begeisterung von etwas erzählt, dann bleibt das hängen.
Am Anfang habe ich einfach nur zugehört. Wir waren dort, haben die Landschaft erlebt, die Menschen kennengelernt und ich habe gemerkt, wie anders sich vieles anfühlt. Weniger hektisch, weniger getrieben. Gleichzeitig aber herzlich und bodenständig. Und irgendwann habe ich mich dabei ertappt, dass ich nicht mehr nur ihre Begeisterung verstanden habe – sondern angefangen habe, selbst davon zu träumen.
Es war kein Moment, in dem ich morgens aufgewacht bin und gesagt habe: „So, ich kaufe jetzt ein Haus in Ungarn.“ Es war eher ein langsamer Prozess. Ein Gefühl, das gewachsen ist. Und irgendwann wurde aus dem Gedanken: „Wie schön wäre das?“ plötzlich die Frage: „Warum eigentlich nicht?“
Das war wahrscheinlich der Moment, in dem aus einer schönen Vorstellung ein echter Wunsch wurde. Nicht unbedingt ein konkreter Plan – aber etwas, das plötzlich einen festen Platz in meinem Kopf hatte.
Als dieser Traum konkreter wurde, stand wahrscheinlich auch schnell die Frage im Raum: „Wie soll das überhaupt gehen?“ Du wusstest ja selbst lange nicht genau, wie sich so etwas finanzieren lässt. Wie hast du diese Phase erlebt – zwischen Sehnsucht und Realität?
Das war wahrscheinlich die schwierigste Phase überhaupt, weil der Wunsch zwar da war, die Lösung aber überhaupt nicht sichtbar war.
Ich glaube, viele kennen dieses Gefühl. Man möchte etwas wirklich gerne, aber der Kopf meldet sich sofort und sagt: „Schöne Idee – aber wie soll das funktionieren?“ Und ehrlich gesagt ging es mir genauso.
Ich wusste lange überhaupt nicht, wie ich das bezahlen sollte. Das war kein romantischer Traum ohne Realitätssinn. Natürlich habe ich gerechnet, nachgedacht und mir Fragen gestellt. Schließlich redet man nicht über ein neues Sofa oder eine Reise, sondern über ein Haus in einem anderen Land.
Und genau deshalb habe ich den Traum zunächst auch gar nicht verbissen verfolgt. Ich hatte ihn einfach im Herzen und habe ihn nicht weggeschoben. Ich glaube, das war wichtig. Viele Menschen begraben ihre Wünsche sofort, weil sie noch keine Lösung sehen. Ich habe eher gedacht: Vielleicht weiß ich den Weg gerade noch nicht – aber das heißt nicht automatisch, dass es unmöglich ist.
In dieser Zeit war für mich auch meine Selbstständigkeit ein wichtiger Faktor. Ich arbeite als Setterin und führe Qualifizierungsgespräche für Coaches. Dadurch bin ich örtlich flexibel und nicht an einen festen Arbeitsplatz gebunden. Diese Freiheit hat dem Gedanken natürlich irgendwann mehr Raum gegeben. Trotzdem blieb die Finanzierungsfrage lange offen. Und manchmal muss man akzeptieren, dass man eine Zeit lang keine Antwort hat.
Du bist seit einigen Jahren selbstständig und gleichzeitig entstand dieser Wunsch nach einem zweiten Lebensmittelpunkt. Viele würden sagen: Das klingt eher nach Risiko als nach Plan. Welche Türen haben sich auf diesem Weg geöffnet?
Wenn ich heute zurückblicke, dann glaube ich tatsächlich, dass sich manche Türen erst öffnen, wenn man innerlich bereit ist, hindurchzugehen. Die Selbstständigkeit war für mich ein wichtiger Schritt. Nicht nur finanziell, sondern auch mental. Sie hat mir gezeigt, dass man viel mehr gestalten kann, als man sich manchmal zutraut. Natürlich bringt Selbstständigkeit Verantwortung und Unsicherheit mit sich – aber sie bringt eben auch Freiheit. Durch meine Arbeit konnte ich plötzlich anders denken. Nicht mehr nur in festen Strukturen oder klassischen Modellen, sondern flexibler. Und genau das hat letztlich auch den Ungarn-Traum unterstützt.
Die entscheidende Wendung kam dann durch zwei Dinge zusammen: Zum einen hatte ich eine Wohnung, die vermietet war. Irgendwann entstand der Gedanke, diese Wohnung zu verkaufen. Zum anderen hatte ich Rücklagen auf meinem Geschäftskonto aufgebaut. Und plötzlich war da etwas, das vorher nicht da war: eine reale Möglichkeit.
Das Spannende ist, dass ich diesen Moment gar nicht als großen Knall erlebt habe. Es war eher ein leises Gefühl von: „Moment… vielleicht geht es jetzt doch.“ Und genau das meine ich, wenn ich sage, dass man manchmal nicht von Anfang an wissen muss, wie etwas funktionieren soll. Manche Lösungen entstehen erst unterwegs.
Das Haus war gekauft – aber damit war die Geschichte wahrscheinlich noch lange nicht vorbei. Wie hast du die Renovierung erlebt?
Nein, definitiv nicht. Die Renovierung war ehrlich gesagt erstmal ein ziemlicher Schock. Ich glaube, jeder kennt diese Geschichten von Häusern, die plötzlich deutlich mehr Arbeit machen als gedacht – und genau so war es auch. Am Anfang denkt man oft noch: Das kriegen wir schon hin. Und dann öffnet man irgendwo eine Wand oder schaut genauer hin – und plötzlich wird aus einer kleinen Baustelle ein Fass ohne Boden.
Natürlich gab es Momente, in denen ich mich gefragt habe: „Worauf hast du dich da eigentlich eingelassen?“ Gerade wenn man nicht vor Ort aufgewachsen ist und viele Dinge neu organisieren muss, kann das schnell überfordernd wirken. Und genau da habe ich etwas erlebt, das mich bis heute berührt: die Unterstützung vor Ort.
Ich war nicht allein. Nachbarn und Freunde haben geholfen, unterstützt, Kontakte vermittelt oder einfach mit angepackt. Diese Hilfsbereitschaft war unglaublich. Ich glaube, ohne diese Menschen wäre vieles deutlich schwieriger geworden. Und genau deshalb fühlt sich das Haus für mich heute auch nicht nur wie Eigentum an – sondern wie etwas, das gemeinsam entstanden ist.
Gab es Momente, in denen du gezweifelt hast oder dachtest: Vielleicht ist das doch zu groß oder zu unrealistisch?
Natürlich. Ich glaube sogar, dass Zweifel völlig normal sind. Wer behauptet, er hätte nie gezweifelt, erzählt meistens nicht die ganze Wahrheit. Es gab Situationen, in denen ich müde war. Situationen, in denen neue Kosten auftauchten oder organisatorisch wieder etwas komplizierter wurde als gedacht. Und natürlich fragt man sich dann schon manchmal, ob man sich vielleicht übernommen hat. Aber interessant ist: Ich hatte nie Zweifel am Traum selbst.
Ich hatte Zweifel an einzelnen Schritten oder daran, wie ich etwas lösen soll – aber nie daran, ob ich das überhaupt möchte. Und das ist für mich ein wichtiger Unterschied. Wenn man etwas wirklich will, verschwinden die Schwierigkeiten nicht. Aber man geht anders mit ihnen um.
Dazu kam, dass ich viel Unterstützung und Ermutigung bekommen habe. Menschen in meinem Umfeld haben eher gesagt: „Mach das.“ Und ich glaube, so etwas darf man nicht unterschätzen. Wenn Menschen an dich glauben, hilft das enorm.
Heute verbringst du bereits viel Zeit in Ungarn und möchtest auch künftig dort einen großen Teil deines Lebens verbringen. Was bedeutet dir dieser Schritt emotional und persönlich?
Sehr viel. Es geht für mich gar nicht nur um ein Haus oder ein Land. Es geht um Lebensqualität. Ungarn ist für mich ein Ort geworden, an dem ich runterkomme und gleichzeitig auftanke. Ich merke dort oft, wie viel ruhiger ich werde. Und vielleicht ist genau das der eigentliche Kern dieser Geschichte: Dass ich mir erlaubt habe, ernst zu nehmen, was mir wirklich wichtig ist.
Viele Menschen funktionieren jahrelang und verschieben ihre Wünsche immer weiter nach hinten. Irgendwann. Später. Wenn alles passt. Aber wann passt schon alles? Ich bin heute unglaublich dankbar, dass ich diesen Schritt gegangen bin. Nicht, weil alles perfekt lief – das tat es nicht. Sondern weil ich mir selbst bewiesen habe, dass Träume kein Alter kennen.
Zum Abschluss: Was würdest du Menschen sagen, die selbst einen vielleicht „verrückten“ Traum haben – etwas, das sich momentan noch weit weg von ihrer Realität anfühlt?
Ich würde ihnen sagen: Beerdigt eure Träume nicht zu früh. Viele Menschen machen das. Sie haben einen Wunsch – und im nächsten Moment erklären sie sich selbst schon, warum er unmöglich ist. Natürlich braucht es Realitätssinn. Aber man muss nicht sofort den kompletten Weg kennen. Ich wusste auch lange nicht, wie mein Traum funktionieren soll. Und trotzdem habe ich ihn nicht losgelassen. Manchmal entstehen Lösungen erst, wenn man sich erlaubt weiterzudenken.
Und vielleicht ist genau das meine wichtigste Erfahrung: Man muss nicht immer schon wissen, wie alles ausgeht. Manchmal reicht es, einen Wunsch ernst zu nehmen und offen zu bleiben für die Wege, die sich zeigen. Denn am Ende bereuen wir oft weniger das, was wir versucht haben – sondern eher das, was wir uns nie erlaubt haben zu wagen.











