
MAA spricht mit Markus Wittmann
Raus aus dem Hamsterrad – rein ins eigene Leben
Wir hetzen, wir funktionieren – und merken gar nicht mehr, wie sehr wir uns selbst verloren haben. Coach Markus Wittmann erklärt, warum echte Veränderung nicht mit schnellen Tipps beginnt, sondern mit guten Fragen. Ein Gespräch über Mut, alte Muster, Selbstwirksamkeit und die Kraft, die entsteht, wenn Menschen wieder lernen, auf sich selbst zu hören.
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Foto: Markus Wittmann, privat
Coaching. Was ist das überhaupt?
Im Coaching schaffe ich einen Raum, stelle gute Fragen – und mein Gegenüber findet den eigenen Weg. Ich begleite, aber ich führe nicht.
Du meinst diesen Raum im übertragenen Sinn?
Genau. Raum kann ein geschlossener Raum sein, es kann drau ßen in der Natur sein, es kann sogar ein Reitplatz sein – wie beim Pferdecoaching, das ich selbst schon erlebt habe. Entscheidend ist, einen sicheren Rahmen zu schaffen. Einen Ort, an dem jemand sich öffnen kann und seine Themen Platz haben.
Wie wichtig ist dabei die Haltung eines Coaches?
Als Coach muss ich meine eigenen Themen kennen. Sonst verwechseln sich unbewusst meine Geschichte und die meines Klienten. Ich darf nicht in meinen eigenen Film rutschen. Wir alle haben Erfahrungen und Lösungswege im Kopf – und es wäre leicht, in Beratung zu verfallen und zu sagen: „Mach doch einfach so.“ Aber Coaching heißt, diese Impulse wahrzunehmen und bewusst wieder zur Seite zu legen. Sonst coache ich am Menschen vorbei.
Viele Menschen wünschen sich allerdings praktikable Lösungen – fast wie beim Arzt. Ist das nicht irritierend?
Für mich nicht. Jede Sitzung ist ein Lernmoment, ein Prozess, der sich entwickelt. Natürlich klären wir vorher den Status Quo, das Ziel und einen möglichen Weg dorthin. Aber wie beim Besteigen der Zugspitze gibt es nicht den einen Weg. Ich selbst könnte vielleicht gerade hochlaufen, aber ich weiß nicht, ob mein Gegenüber die körperliche oder psychische Fitness dafür hat. Vielleicht brauchen wir Serpentinen. Vielleicht Pausen. Coaching bedeutet, den Weg laufend gemeinsam neu zu justieren.
Und wie gehst du damit um, wenn Klientinnen oder Klienten sich wünschen, dass du einfach sagst, wo’s langgeht?
Dann frage ich zurück: „Warum ist dir das gerade so wichtig?“ Häufig steckt dahinter ein Thema, das viel größer ist als die akute Frage. Oft zeigt sich an solchen Fragen auch ein Lebensmuster: Jemand wartet immer wieder darauf, dass andere sagen, wo es langgeht. Im Coaching machen wir dieses Muster sichtbar und fragen: „Wo willst Du in Zukunft selbst die Verantwortung übernehmen – und was brauchst Du dafür“? Und genau dort beginnt dann oft der eigentliche Coaching-Prozess. Ich suche gemeinsam mit dem Klienten das Thema hinter dem Thema.
Ich suche gemeinsam mit dem Klienten das Thema hinter dem Thema.
Dabei lasse ich niemanden hilflos zurück, aber ich hinterfrage diese Dynamik. Und wenn wir nicht weiterkommen, gebe ich einen Impuls für den nächsten Schritt, aber niemals den ganzen Weg vor. Das wäre, als würde ich jemanden Huckepack die Serpentinen hinauftragen – der Mensch würde die eigene Erfahrung und Kraft nie entdecken.
Du hast vorhin von Ressourcen gesprochen. Hilfst du deinen Klientinnen dabei, mit ihren eigenen Ressourcen ihren Weg zu gehen?
Genau. Ressourcen sind all die positiven Erfahrungen, die wir schon gemacht haben – Fähigkeiten, die wir besitzen, aber vergessen haben. Ein einfaches Beispiel: Jeder von uns hat einmal Fahrradfahren gelernt. Wie war das damals? Bin ich hingefallen und wieder aufgestanden? Oder wurde ich gestützt, bis ich das Gleichgewicht fand? Diese Erfahrung – ich kann das – ist eine Ressource. Ähnlich bei Beziehungsthemen oder Konflikten: Was habe ich früher schon einmal gut gelöst? Wie bin ich damals vorgegangen? Wenn wir diese Ressourcen wieder aktivieren, fällt der nächste Schritt leichter. Und es ist genau dieser eigene Schritt – nicht der Huckepack-Schritt –, der Menschen stärkt.
Das heißt, du hilfst deinen Kundinnen, frühere Stärken zu aktivieren, um aktuelle Herausforderungen besser zu bewältigen?
Perfekt zusammengefasst, ja.
Dann passt unser Magazin Menschen-Aalen ja wunderbar dazu. Wir zeigen ja genau solche Geschichten von Menschen, die ihr Leben gestalten und ihre Ressourcen nutzen.
Absolut. Insofern seid ihr tatsächlich ein Stück weit eine Coaching-Zeitung – im allerbesten Sinn.
Wie lange arbeitest du eigentlich schon als Coach?
Ich habe 2017 die Ausbildung zum systemisch-integrativen Coach gemacht und bin seitdem aktiv in der Begleitung von Menschen unterwegs. In den letzten Jahren ist viel Führungskräftetraining dazugekommen. Führungskräfte wollen nicht nur lernen, sondern brauchen oft konkrete Unterstützung in aktuellen Situationen – Konflikte, schwierige Gespräche oder menschliche Themen. Das kann zum Beispiel bedeuten, ein schwieriges Mitarbeitergespräch vorzubereiten, Konflikte im Team zu sortieren, Klarheit über Rollen und Verantwortlichkeiten zu schaffen oder den eigenen Führungsstil zu reflektieren. Viele Führungskräfte stehen heute unter hohem Druck – zwischen Mitarbeitenden, Geschäftsführung und eigenen Ansprüchen. Genau an dieser Schnittstelle begleite ich sie.
Wie hat sich Coaching in den letzten Jahren entwickelt?
Am Anfang kam die Welle aus den USA – erst Neugier, dann die ersten Mutigen, die sich ausbilden ließen. Viele haben das richtig gut gemacht. Und wie so oft kam dann der große Hype. Ich erinnere mich an eine Facebook-Notiz: „Ich war am Wochenende mit meinem Pferd auf einer Ausbildung. Jetzt biete ich Pferdecoaching an.“ Da musste ich schmunzeln. Es gibt Menschen, die ohne solide Ausbildung arbeiten. Vielleicht haben sie Talent, aber oft fehlt die Tiefe. Während Corona ist Coaching erst einmal zurückgegangen – alle waren mit sich selbst beschäftigt. Heute sehen wir starke Nachwirkungen, gerade bei Jugendlichen. Wichtig ist: Coaches sind keine Psychotherapeutinnen. Coaches schauen nach vorne: Wo will ich hin? Was stärkt mich? Psychotherapie arbeitet viel stärker mit dem, was in der Vergangenheit passiert ist, und hilft dabei alte Wunden und Traumata aufzulösen.
Gibt es heute mehr gute Coaches als früher?
Ja. In den letzten zehn Jahren haben sich fundierte Ausbildungen entwickelt, und der Markt hat sich professionalisiert. Was in Deutschland fehlt, ist ein Verband wie in der Schweiz, der Coaches nicht nur registriert, sondern wirklich prüft und zertifiziert. Dort achten Unternehmen sehr genau auf solche Standards – und das tut der Qualität gut.
In Deutschland wirkt ja sonst vieles sehr geregelt – aber der Begriff Coach offenbar nicht?
Genau. Die Bezeichnung „Coach“ ist nicht geschützt. Jeder kann sich Coach nennen – auch jemand, der nur einen Wochenendkurs besucht hat oder eine Person mit einem Pferd, die daraus ein Angebot macht. Aber Coaching ist ein Beruf mit Verantwortung. Und diese Verantwortung sollte von Menschen getragen werden, die wirklich gut ausgebildet sind.
Was rätst du potenziellen Kundinnen und Kunden?
Unbedingt auf die Vita und die Ausbildung achten. Und prüfen, ob jemand solide fundiert arbeitet. Das schützt vor Enttäuschungen und hilft, jemanden zu finden, der wirklich unterstützen kann.
Welche Menschen suchen typischerweise einen Coach?
Dies lässt sich grob in drei Bereiche unterscheiden: Beruflich: Konflikte, schwierige Zusammenarbeit, Stress, Ego-Themen. Viele Menschen stoßen schneller emotional zusammen, als ihnen lieb ist. Solange keine Mediation nötig ist, kann Coaching hier sehr helfen. Privat: Beziehungsthemen, persönliche Ziele, berufliche Orientierung, Lebensübergänge, die Frage „Wie soll es für mich weitergehen?“. Gerade nach der Corona-Zeit kommen viele mit den unterschiedlichsten Beziehungsthemen. Erfolgs- und Lifestyle-Bereich: „Wie werde ich schneller erfolgreich?“, „Wie nehme ich mehr ab?“, „Wie werde ich muskulöser?“. Hier geht es oft stärker um Wissensvermittlung und Trainingspläne – eine ganz eigene Kategorie.
Diese Lifestyle-Coaches – wären das aus deiner Sicht dann eher Trainer oder Berater?
Ja, absolut. Viele nennen sich Coach, obwohl sie in Wirklichkeit Wissen vermitteln – manchmal mit sehr lauter Werbung: „Lies mein Buch! Buche meinen Kurs! Ich coache dich zum Erfolg! Daran ist nichts Schlechtes, aber es ist etwas anderes. Entscheidend ist: Wie viel echte Zeit habe ich mit meinem Coach? Ist Raum für meine persönliche Entwicklung da? Wenn es vorrangig um Wissen geht, sind wir im Bereich „Training mit Umsetzungsbegleitung“ – nicht im klassischen Coaching.
Du nennst dein Angebot „systemisch-integratives Coaching“. Was bedeutet das genau?
Im Mittelpunkt steht für mich der systemische Blick. Stell dir ein „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spielfeld vor: Am Anfang stehen die Figuren sortiert in den Ecken, nach ein paar Minuten Spiel sind sie bunt durcheinander auf dem Brett verteilt. Wenn wir das Spiel anhalten und jede Figur mit einem ganz dünnen Faden mit allen anderen verbinden würden, entstünde ein Netz – ungeordnet, aber deutlich sichtbar. Wenn jetzt eine gelbe Figur vier Felder weiterzieht, zieht sie mit ihrem Faden auch andere Figuren ein Stück mit – die, die nahe stehen, stärker, die in der Ferne kaum. Genau so wirken wir Menschen in unseren Systemen: Wenn sich jemand im Coaching bewegt und verändert, dann verändert sich immer auch das eigene Umfeld – Familie, Partnerschaft, Kolleginnen und Kollegen. Im systemischen Coaching schauen wir deshalb ganz bewusst nicht nur auf dich, sondern auch auf dein System: Wer gehört zu deinem inneren Kreis? Wie wirkt sich deine Veränderung auf diese Beziehungen aus – positiv, neutral oder vielleicht auch herausfordernd? Der integrative Teil bedeutet für mich: Neues Wissen, neue Erfahrungen und Einsichten werden nicht nur „besprochen“, sondern wirklich in den Alltag integriert. Oft arbeiten wir dafür mit Aufstellungen, damit das, was du fühlst und erkennst, nicht nur im Kopf bleibt, sondern sich auch im Körper und in deinen Handlungen verankern kann.
Wie kann man sich so eine Aufstellung konkret vorstellen?
Nehmen wir an, ich arbeite im Eins-zu-eins mit einer Klientin, die ein Thema mit ihrer Familie hat – zum Beispiel mit zwei Geschwistern und einem Elternteil. Zu Beginn steht sie mir gegenüber als sie selbst. Dann legen wir für jede wichtige Person eine Karte auf den Boden: eine für das erste Geschwisterkind, eine für das zweite und eine für die Mutter. Sie entscheidet, wo diese Karten liegen: Wer steht nah bei ihr, wer weiter weg? Schon dieses Bild sagt viel aus. Danach bitte ich sie, nacheinander in die Rolle der jeweiligen Person zu gehen – sie „steigt“ sozusagen auf die Karte und wird für diesen Moment zur Schwester, zum Bruder oder zur Mutter. Ich frage dann zum Beispiel: „Wie stehst du zu deiner Schwester?“ oder „Wie nimmst du die Situation in der Familie wahr?“. Die Klientin antwortet aus der jeweiligen Rolle heraus. So entsteht ein sehr lebendiges Bild davon, wie sich das Familiensystem anfühlt und wo Spannungen oder Ressourcen liegen. Im nächsten Schritt schauen wir: Was müsste sich verändern, damit es stimmiger wird? Wer sollte näher heranrücken? Wer braucht mehr Abstand? Wer darf seine Position verändern? Das probieren wir im Raum aus – und die Klientin spürt sehr deutlich, wie sich das anfühlt. Vielleicht entdeckt sie so, dass es hilfreich wäre, den Kontakt zu einem Geschwisterteil zu intensivieren – öfter zu telefonieren oder sich bewusst zu treffen. Dann verändert sie nicht nur sich selbst, sondern nimmt ihr System aktiv mit ins Boot. Wenn wir mit einer ganzen Gruppe arbeiten, nutzen wir dafür sogenannte Repräsentantinnen und Repräsentanten – also andere Menschen, die in der Aufstellung für bestimmte Personen oder Anteile stehen. Das ist ein sehr spannender, aber eher spezieller Teil meiner Arbeit und nicht der Standard im klassischen Einzelcoaching. Daher setze ich solche Aufstellungen bewusst und sehr gezielt ein – nur dann, wenn sie für das Anliegen wirklich sinnvoll sind. Ziel ist immer, komplexe innere Themen sichtbar und spürbar zu machen, damit meine Klientinnen und Klienten klarer erkennen können, was sie stärkt und welche Schritte sich stimmig anfühlen.
Für Außenstehende klingt das schnell ein bisschen „esoterisch“. Wie wissenschaftlich fundiert ist dieser Ansatz?
Der Eindruck kann entstehen, wenn man es nur von außen betrachtet. Tatsächlich steht hinter dieser Arbeit aber eine lange Entwicklung. Ein wichtiger Name ist Jacob Levy Moreno, der das „Psychodrama“ geprägt hat – ein Ansatz, bei dem innere Themen in Szene gesetzt werden. Unter diesem Dach haben sich viele Formen von Aufstellungsarbeit entwickelt. Vielleicht haben manche auch schon von Bert Hellinger gehört, der Familienaufstellungen sehr bekannt gemacht hat. Seine Art zu arbeiten ist allerdings nicht das, was ich unter systemisch-integrativem Coaching verstehe – und sie entspricht auch nicht meiner persönlichen Ethik. Das ist in Ordnung, es darf verschiedene Formen nebeneinander geben. Wichtig ist mir, klar zu sagen, wofür ich stehe – und wofür nicht.
Du sprichst deine eigene Ethik an. Was gehört für dich unbedingt dazu – und was unterscheidet dich vielleicht von anderen?
Ein zentraler Punkt ist für mich die Beziehung zu meinen Klientinnen und Klienten. Ohne Vertrauen entsteht keine echte Veränderung.
Ohne Vertrauen entsteht keine echte Veränderung.
Dazu gehört für mich eine ganz klare Verschwiegenheit: Was im Raum besprochen wird, bleibt im Raum. Ein weiterer ethischer Aspekt ist meine eigene Verantwortlichkeit. Wenn jemand mit einem Thema zu mir kommt, das ich für mich selbst noch nicht gut bearbeitet habe – dann muss ich sehr aufmerksam sein. Sonst vermischen sich mein eigenes Thema und das Anliegen des Gegenübers. In so einem Fall wäre es unter Umständen ehrlicher, die Person weiterzuempfehlen, statt so zu tun, als wäre das kein Problem. Ganz wichtig ist mir auch der Umgang mit Krisen. Wenn jemand beispielsweise von Suizidgedanken spricht, lasse ich diese Person nicht einfach gehen. Dann habe ich die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass professionelle Hilfe dazukommt – zum Beispiel, indem ich einen Rettungsdienst rufe, damit der Mensch gut begleitet wird. Solche Situationen sind sehr selten, aber sie kommen vor. Dann ist es wichtig, ruhig zu bleiben, klar zu handeln und das eigene Ego komplett zurückzustellen. Für mich gehört es zu einer professionellen Haltung als Coach, die eigenen Grenzen zu kennen und im Zweifel immer die Sicherheit des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Wegschauen wäre für mich ethisch nicht vertretbar. Und schließlich unterscheidet mich auch meine Haltung zum Thema Schuld. In manchen Ansätzen – etwa bei Hellinger – heißt es, Kinder müssten sich grundsätzlich bei ihren Eltern entschuldigen. Das passt nicht zu meiner Ethik. Mir geht es nicht darum, Schuldige zu suchen, sondern darum zu verstehen, wie ein Familiensystem gelebt wurde und wie man heute einen guten, freieren Umgang damit finden kann. Es geht um Annahme, Klärung, manchmal auch um Abschied von alten Mustern – und darum, wieder in die eigene Handlungsfähigkeit zu kommen.
Viele Menschen berichten, dass sie bestimmte Muster aus ihrem Familiensystem ein Leben lang mittragen. Wie begleitest du Klientinnen und Klienten dabei, solche Prägungen aufzulösen?
Manchmal ist es wichtig, zuerst anzunehmen, dass dieses Muster überhaupt existiert. Wenn möglich, klären wir das mit den Eltern – wenn nicht mehr, finden wir gemeinsam einen Weg aus dieser inneren „Gefangenschaft“. Und dann stellt sich die ethische Frage: Was kann ich als Coach wirklich begleiten? Wo beginnt der psychotherapeutische Bereich? Ab einem gewissen Punkt muss ich klar sagen: Hier braucht es eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten. Das gehört dann nicht mehr in mein Fachgebiet.
Du hast gesagt, dass manche Coaches Klientinnen annehmen, die sie eigentlich nicht begleiten können. Woran liegt das?
Es gibt Coaches, die ihre Arbeitsstelle kündigen und zu hundert Prozent im Coaching arbeiten wollen. Die sind natürlich darauf angewiesen, Klienten zu bekommen um den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. Viele sind gut – aber es gibt auch schwarze Schafe, die aus wirtschaftlicher Not Fälle übernehmen, die sie fachlich gar nicht tragen können.
Hast du eine Vorstellung, wie viele Coaches tatsächlich vom Coaching leben können?
Wenn wir von fundiert ausgebildeten Coaches sprechen – also nicht von Wochenendseminaren –, dann schaffen es vielleicht zwei bis drei Prozent, davon wirklich zu leben. Viele arbeiten nebenbei, was völlig legitim ist. Aber nur wenige machen es zum Hauptberuf.
Und bei dir – ist es dein Hauptberuf?
Ich kombiniere Coaching und Training. Im Coaching geht es vor allem um Reflexion, Selbsterkenntnis und persönliche Entwicklung – ich stelle Fragen, halte den Raum und begleite Prozesse. Im Training vermittle ich zusätzlich ganz konkrete Modelle, Werkzeuge und Strategien, zum Beispiel für Führung, Kommunikation oder Konfliktklärung. In meiner Arbeit mit Führungskräften greifen beide Bereiche oft ineinander. Daher schwankt das Verhältnis.
Wie bist du überhaupt in diesen Beruf hineingewachsen? War das schon immer dein Weg?
Ich glaube, ich habe das schon immer gemacht – vielleicht wurde mir das sogar in die Wiege gelegt. Ich habe in der Kindheit gelernt, Fragen zu stellen. Später habe ich mehr Antworten gegeben als Fragen gestellt. Und irgendwann habe ich gemerkt: Das hilft meinem Gegenüber nicht wirklich. Da sind Menschen, die stellen die richtigen Fragen und hören richtig zu. Das wollte ich lernen. Also habe ich eine Coachingausbildung gemacht – eigentlich nur, um besser zuhören zu lernen. Selbstständigkeit war gar nicht das Ziel. Die ergab sich erst viel später. Heute sehe ich meine Aufgabe darin, Menschen nicht „umzuformen“, sondern ihnen zu helfen, wieder Zugang zu ihren eigenen Kräften, Werten und Entscheidungen zu finden. Wenn jemand am Ende klarer, ruhiger und stimmiger mit sich selbst durchs Leben geht, dann hat Coaching und Training seinen Zweck erfüllt.
Das heißt, aus der Zusatzqualifikation wurde fast zufällig ein beruflicher Weg?
Genau. Und selbst die, die aus meinem Ausbildungsgang nie ein Business daraus gemacht haben, sagen: „Es hat mein Leben verändert.“ Man lernt unglaublich viel über sich selbst.
Du hast vorhin erwähnt, dass du deine Partnerin in der Coachingausbildung kennengelernt hast. Magst du das erzählen?
Sehr gerne. Wir wurden damals kein Paar, hatten aber beide die Chance, tief in unsere „Rucksäcke“ zu schauen. Ein Dreivierteljahr nach Ausbildungsende sind wir dann zusammengekommen – mit einem sehr klaren Blick darauf, wer der andere ist. Ohne rosa Brille, dafür mit einer reifen, bewussten Form von Beziehung. Ich glaube wirklich: Wenn Paare diese Art Selbsterkenntnis hätten, würden viele Beziehungen bewusster beginnen.
Wenn du auf deine Jahre als Coach schaust: Gibt es ein Beispiel, wo Coaching eindeutig etwas verändert hat?
Ja. Ich hatte eine Führungskraft, die unsicher war, schlecht organisiert, völlig fremdbestimmt. Wir haben intensiv an Ressourcen gearbeitet: Warum ist diese Person da, wo sie steht? Woraus schöpft sie? Was kann sie? Nach einem Jahr trat sie mit völlig neuer Körperhaltung auf, hörte ihren Mitarbeitenden wirklich zu, ließ das Handy weg, war präsent. Im Abschlussgespräch hatte sie Tränen in den Augen, weil sie zum ersten Mal spürte, wie sehr man ihren Wert anerkennt – und weil sie merkte, wie sehr sich ihr Alltag verändert hatte. Das war ein kraftvoller Moment. Genau diese Art von nachhaltiger Veränderung liebe ich an meiner Arbeit: Menschen gewinnen nicht nur neues Wissen, sondern spüren ganz konkret, dass sie ihren Alltag anders gestalten und sich selbst anders erleben können. In der Persönlichkeit wie auch in der Führung von Menschen.
In Deutschland hört man oft: Jeder Zweite bräuchte ein Coaching. Stimmst du dem zu?
Ich glaube, wir alle hätten in bestimmten Phasen Bedarf. Ich erinnere mich an einen jungen Mitarbeiter, frisch von der Uni. Er war überfordert und hat sich für sechs Wochen in eine psychosomatische Klinik begeben. Danach sagte er zu mir: „Das müsste jeder einmal machen – bewusst aus dem Hamsterrad aussteigen, um sich selbst zu erkennen.“ Diese Sehnsucht nach Klarheit, Orientierung und Selbsterkenntnis ist weit verbreitet. Und Coaching kann dabei ein sehr hilfreicher Weg sein.
Bewusst mal aus dem Alltag aussteigen – was meinst du damit genau?
Manchmal tut es gut, ganz bewusst aus dem täglichen Hamsterrad auszusteigen. Einfach innehalten, sich selbst wieder wahrnehmen und verstehen, wie man eigentlich lebt und fühlt. Wenn wir uns selbst besser kennen, können wir auch mit anderen friedlicher und gelassener umgehen. Ich beobachte oft – im Supermarkt, in der Bahn, eigentlich überall – wie viele Menschen mit hängenden Mundwinkeln durchs Leben gehen. Ein Gespräch, eine kleine Auszeit, kann da schon unglaublich guttun. Coaches helfen genau dabei: innehalten, reflektieren, sich wieder spüren.
Also wäre so eine Auszeit etwas, das eigentlich jeder einmal tun sollte?
Ja, unbedingt. So wie man ins Fitnessstudio geht, um seinen Körper zu stärken, kann man auch etwas für die Seele tun. Ob durch Bücher, Podcasts, Videos oder Social Media – jeder hat seinen eigenen Zugang. Entscheidend ist, sich selbst bewusst wahrzunehmen: das eigene Selbstbewusstsein, die eigene Selbstwirksamkeit. Das tut jedem gut – unabhängig davon, ob man Führungskraft ist oder einfach ein Mensch, der sich weiterentwickeln möchte.
Wenn jetzt jemand sagt: Ich möchte mir einen Coach suchen – wie viel muss man investieren?
Das hängt stark vom Ausgangspunkt ab. Wenn jemand kleine Ziele hat – vergleichbar mit „Ich möchte von 90 auf 88 Kilo kommen“ – reicht ein überschaubarer Aufwand: ein paar Gespräche, eine kurze Begleitung, ein Review. Wenn aber jemand sein Leben grundsätzlich neu sortieren will – beruflich wie privat – braucht es natürlich mehr Zeit. Deshalb gibt es Erstgespräche, meist kostenfrei. Da klärt man: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Passt die Chemie? Ich selbst arbeite gerne mit 6er-Paketen à 60–90 Minuten. Damit kommt man weit. Mir ist wichtig, dass meinen Klienten vor dem Start klar ist, woran wir arbeiten, wie der Rahmen aussieht und welche Kosten entstehen. Nach fünf Einheiten schauen wir dann gemeinsam: Reicht es? Braucht es weiterführende Unterstützung? Eine transparente Absprache zu Beginn und während des Prozesses schafft Sicherheit für beide Seiten.
Kannst du eine Größenordnung nennen – was kostet so ein erstes Paket?
Es hängt von vielen Faktoren ab: privat oder Business, online oder vor Ort, inklusive Fahrtzeiten oder nicht. Im Privatbereich starten die Preise meist irgendwo zwischen 80 und 200 Euro pro Sitzung; im Businessbereich geht es etwa bei 250 Euro los. Für ein erstes Paket liegt man realistisch zwischen 1.000 und 2.000 Euro. Das gibt den meisten eine gute Orientierung. Und ja: Es gibt auch Pro-Bono-Coaching – etwa für junge Menschen, die gründen oder sich selbstständig machen wollen. Für mich gehört das zu einer solidarischen Gesellschaft dazu.
Ist Coaching heute gesellschaftlich akzeptierter?
Ja, absolut. Wenn wir die dubiosen „Erfolgscoaches“ außen vor lassen, hat Coaching viel von seinem früheren Beigeschmack verloren. Viele Menschen – gerade sehr erfolgreiche – nutzen Coaching, um bewusst zu leben, klar zu denken und sich weiterzuentwickeln. Ich selbst nehme Coaching in Anspruch, lasse mich ausbilden, weiterentwickeln, beraten. Persönliche Entwicklung hört nie auf.
Wie findet man den richtigen Coach?
Es gibt mehrere gute Wege: den Deutschen Fachverband Coaching (DFC), die Plattformen wie coach24.de, ausbildende Institute wie das Migge-Institut, die International Coaching Federation und natürlich das Internet. Wichtig ist: genau hinschauen. Was bietet der Coach an? Was brauche ich? Passt es menschlich? Ein Erstgespräch klärt viel. Und ja – in Social Media sind oft die Lauten sichtbarer als die Guten. Deshalb immer prüfen: Stellt jemand echte Fragen? Oder verkauft er nur schnelle Lösungen?
Welche Rolle spielt KI in der Zukunft des Coachings? Siehst du da eine Gefahr?
Nein, eher eine Ergänzung. Eine KI kann gute Fragen stellen und Menschen erste Schritte ermöglichen, besonders wenn sie Hemmungen haben oder nicht sofort Geld investieren können. Aber die tieferen Ebenen – Aura, Körpersprache, Stimmung, das „unter der Wasseroberfläche“ – kann KI noch nicht erfassen. Gute Coaches werden deshalb nicht ersetzt. Aber KI kann ein sehr sinnvolles Werkzeug sein.
Hast du ein „Schlusswort“?
Ich wünsche mir, dass Coaching seinen letzten Rest „Schmuddelecke“ verliert und als das gesehen wird, was es ist: eine echte Chance für persönliches Wachstum. Es sollte ein normaler, akzeptierter Bestandteil unseres Lebens sein.
Vielen Dank für deine Zeit, Markus.
Sehr, sehr gerne, Heiko. Gute Fragen.










