
MAA spricht mit Samuel Mensah
„Mit 500 Euro begann alles“ – Wie Samuel anderen Menschen aus Ghana beruflich den Weg nach Deutschland ebnete
Samuel Mensah kam als Maschinenbauingenieur aus Ghana nach Deutschland – mit großen Hoffnungen, aber auch vielen Hürden. Sprache, Bürokratie und Einsamkeit gehörten zu seinem Start in Aalen. Heute unterstützt er mit einem eigenen Coaching andere Fachkräfte dabei, denselben Weg zu gehen – und erinnert sich dabei oft an die 500 Euro, mit denen alles begann.
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Bild: Samuele Mensah, privat
Samuel, bevor wir über dein heutiges Unternehmen sprechen – erzähl uns erstmal: Wer bist du und wie begann deine Geschichte?
Ich komme ursprünglich aus Kumasi in Ghana und bin heute 38 Jahre alt. Mein Vater war Elektriker und meine Mutter hat auf dem Markt Kleidung verkauft. Technik hat mich schon als Kind fasziniert. Ich habe Dinge auseinandergebaut – Radios, alte Ventilatoren, manchmal auch Sachen, die ich besser hätte nicht auseinanderbauen sollen.
Nach der Schule habe ich Maschinenbau studiert. Das Studium in Ghana war gut, aber es unterscheidet sich deutlich von Deutschland. Wir hatten engagierte Professoren, aber oft fehlten Labore, moderne Maschinen oder praktische Möglichkeiten. Vieles war theoretischer. Gleichzeitig waren die Studienplätze begrenzt und viele Studenten arbeiteten nebenher, um Gebühren oder Materialien bezahlen zu können.
Ich habe mein Studium abgeschlossen und später bei einem mittelständischen Betrieb gearbeitet, der Maschinen für Landwirtschaft und kleinere Produktionsbetriebe betreut hat. Aber irgendwann wurde mir klar: Ich komme beruflich nicht weiter.
Was meinst du mit „nicht weiter“?
Es war nicht so, dass ich unglücklich war. Aber die Perspektiven waren begrenzt. Viele Projekte wurden verschoben oder gar nicht umgesetzt. Gute Ingenieure verdienten oft deutlich weniger, als ihre Ausbildung eigentlich rechtfertigte.
Ich erinnere mich an Gespräche mit Freunden. Viele waren hervorragend ausgebildet, aber man hatte das Gefühl, ständig gegen Grenzen zu laufen – fehlende Investitionen, wenige große Arbeitgeber, geringe Entwicklungsmöglichkeiten.
Damals hörte ich zum ersten Mal von Deutschland – nicht als Traumland, sondern als Ort, an dem Maschinenbau wirklich gebraucht wird. Ein ehemaliger Studienkollege war bereits hier und arbeitete in Baden-Württemberg. Er erzählte mir nicht nur vom Gehalt, sondern vor allem von der Arbeitsweise: moderne Anlagen, klare Prozesse, Weiterbildungsmöglichkeiten. Das hat mich neugierig gemacht.
Wie kommt man von dieser Idee tatsächlich nach Deutschland?
Das war ehrlich gesagt der schwierigste Teil. Viele denken, man kauft einfach ein Ticket und kommt her – aber so läuft das nicht.
Ich musste zunächst Deutsch lernen, obwohl ich damals kaum ein Wort sprach. Nach Feierabend habe ich online gelernt und Kurse besucht. Gleichzeitig musste ich Unterlagen übersetzen lassen – Zeugnisse, Studiennachweise, Arbeitszeugnisse.
Dann kam die Anerkennung meines Abschlusses. Allein herauszufinden, welche Stelle zuständig ist, war kompliziert. Ich habe Formulare mehrfach falsch eingereicht und Monate auf Rückmeldungen gewartet. Parallel musste ich Arbeitgeber finden, die bereit waren, jemanden aus dem Ausland einzustellen.
Ein Unternehmen aus Süddeutschland führte mehrere Videogespräche mit mir. Ich war nervös, weil mein Deutsch noch nicht perfekt war. Aber sie sahen mein Fachwissen und gaben mir eine Chance.
Dann kam das Visumverfahren. Auch das dauerte. Dokumente, Nachweise, Termine – manchmal dachte ich wirklich, ich gebe auf.
Und dann kamst du nach Deutschland – war alles so, wie du es erwartet hattest?
Nein. Die ersten Monate waren härter als gedacht.
Ich kam nach Baden-Württemberg und später nach Aalen. Fachlich fühlte ich mich gut vorbereitet – aber das Leben selbst war eine Herausforderung. Die Sprache im Alltag war viel schwieriger als im Unterricht. Dialekt, Behördensprache, Mietverträge – das war ein Schock.
Ich musste lernen, wie hier gearbeitet wird. Pünktlichkeit kannte ich natürlich auch vorher, aber hier sind Prozesse oft sehr strukturiert und dokumentiert. Gleichzeitig musste ich eine Wohnung finden, Versicherungen verstehen und ein soziales Umfeld aufbauen.
Manchmal fühlte ich mich trotz Arbeit ziemlich allein. Aber ich merkte auch etwas anderes: Wenn man dranbleibt, öffnen sich Türen. Nach einigen Jahren hatte ich ein stabiles Einkommen, Verantwortung im Unternehmen und erstmals das Gefühl, mein Beruf entwickelt sich wirklich.
Wann entstand dann die Idee für dein heutiges Coaching?
Eigentlich aus Gesprächen. Ehemalige Kommilitonen und Kollegen aus Ghana schrieben mir ständig.
Sie fragten: Wie hast du das geschafft? Wo lernt man Deutsch? Wie findet man Arbeitgeber? Was braucht man für ein Visum? Ist das Leben dort wirklich besser?
Anfangs half ich einfach nebenbei. Ich machte Videoanrufe, schaute Lebensläufe an und erklärte Abläufe. Dabei fiel mir auf: Viele scheitern gar nicht an ihrer Qualifikation. Sie scheitern an fehlenden Informationen.
Und irgendwann dachte ich: Warum mache ich daraus kein System?
Aber deine Frau war zunächst nicht begeistert von dieser Idee, richtig?
Nein, überhaupt nicht. Ich erinnere mich noch gut. Ich kam nach Hause und sagte zu ihr: „Ich glaube, ich möchte Menschen helfen, denselben Weg zu gehen.“ Und sie antwortete ungefähr: „Du arbeitest Vollzeit und willst jetzt noch ein zweites Projekt anfangen?“
Ich verstand ihre Sorge. Wir hatten ein stabiles Leben aufgebaut und sie sah vor allem das Risiko. Ich dagegen sah plötzlich eine Aufgabe.
Ich sagte zu ihr: „Gib mir 500 Euro und ein paar Monate.“
Das war unser Gespräch. Keine Investoren. Kein großes Büro. Nur 500 Euro.
Was hast du mit diesen 500 Euro gemacht?
Sehr einfache Dinge: eine Website, erste Online-Tools, kleine Werbeanzeigen und Videocalls.
Aber ich wollte nie nur Sprachunterricht anbieten. Sprache allein reicht nicht.
Wir begleiten heute Menschen durch den gesamten Prozess: Deutsch für den Beruf, Bewerbungen, Vorbereitung auf Interviews, Anerkennung von Abschlüssen, Unterlagen, Visumfragen, Arbeitskultur, Wohnungssuche und die ersten Monate in Deutschland. Viele Teilnehmer kennen Deutschland nur aus Videos oder Erzählungen. Wir zeigen ihnen die Realität – mit Chancen und Herausforderungen.
Und was ist daraus geworden?
Heute beschäftigen wir fünf Vollzeitkräfte. Viele davon haben selbst ähnliche Erfahrungen gemacht. Wir begleiten Fachkräfte aus Ghana und inzwischen auch aus Nachbarländern.
Natürlich geht es auch ums Geld – ich kann meiner Familie heute ein gutes Leben ermöglichen. Aber ehrlich gesagt erfüllt mich etwas anderes noch mehr.
Wenn mir jemand schreibt: „Ich habe meinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieben.“ Oder: „Meine Familie glaubt wieder an meine Zukunft.“
Dann denke ich manchmal zurück an diese 500 Euro und daran, wie skeptisch meine Frau damals war.
Heute sagt sie oft: „Zum Glück hast du damals nicht aufgegeben.“











